Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes , Wittekindshof

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Mahnmal mit dem Schriftzug "Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung".

Ein Mahnmal auf dem Gründungsgelände in Volmerdingsen erinnert an die Wittekindshofer Opfer des NS-Regimes.

76 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hält Deutschland die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus weiterhin wach. Auch die Diakonische Stiftung Wittekindshof gedenkt am 27. Januar der Opfer des nationalsozialistischen Regimes und erinnert an die Menschen, die durch das Euthanasieprogramm der Nazis ermordet wurden.

Mehr als 950 Menschen abtransportiert

Als "kritische Tage erster Ordnung" hatte der damalige Leiter des Wittekindshofes, Pastor Theodor Brünger, den unmittelbar bevorstehenden Besuch der Ärztekommission aus Berlin bewertet. Sie traf am 5. Juni 1941 ein und bestand aus berüchtigten "Euthanasie"-Ärzten.

Sie nahmen eine Bestandsaufnahme von mehr als 950 Bewohnerinnen und Bewohnern vor, die schließlich ab 28. Oktober 1941 zum Abtransport geführt hat.

Heute ist nachgewiesen, dass mindestens 358 dieser Menschen bis Kriegsende starben, oft auch in Einrichtungen, die als Tötungsanstalten bekannt waren. Das Schicksal von weiteren 205 Menschen ist unklar.

Jüdische Schicksale 

Im Rahmen der Judenverfolgung durch das Naziregime mussten bereits am 21. September 1940 sechs Bewohnerinnen und Bewohner den Wittekindshof verlassen.  Siegfried (Samuel) Bloch (1874-1940) lebte seit 1910 in Volmerdingsen, Karl Silberberg (1892-1940) seit 1936 sowie Felix Kanner (1915-1940), Alice Bukofzer (1920-1940), Wolfgang Leyer (1924-1940) und Sabine Heilpern (1920-1940) seit 1938.

Ihre Verwandten waren ausgewandert oder konnten sich aus finanzieller Not – die mit den Repressalien gegen Jüdinnen und Juden im Dritten Reich einhergingen – nicht mehr um ihre Angehörigen kümmern.

Im Sommer 1940 beschloss das NS-Regime, vermutlich mit Wissen und Zustimmung Adolf Hitlers, die jüdischen Bewohner von Heil- und Pflegeanstalten zu ermorden. Aus diesem Grund verfügte das Reichsinnenministerium am 30. August 1940, dass deutsche, polnische und staatenlose "Volljuden" in Sammelanstalten untergebracht werden mussten.

Die sechs jüdischen Wittekindshofer Bewohnerinnen und Bewohner mussten deshalb in die Landesheil- und Pflegeanstalt Wunstorf bei Hannover überführt werden, die als Sammelanstalt für die meisten Einrichtungen im nördlichen Westfalen diente. Offiziell hieß es, dass sie von dort weiter in eine jüdische Anstalt verlegt werden sollten.

Tatsächlich wurden sie wenige Tage später in den Gaskammern des Zuchthauses Brandenburg an der Havel mit vielen anderen jüdischen Menschen mit Behinderung aus den Einrichtungen des nördlichen Westfalens ermordet.

Nachforschungen über Verbleib

Hermann Bloch, der Bruder von Siegfried Bloch, forschte in dieser Zeit nach dem Verbleib seines Verwandten. Über seine Recherchen hielt er Pastor Brünger auf dem Laufenden.

Von der Anstalt in Wunstorf erhielt Bloch die Antwort, dass sein Bruder noch am Tage seiner Aufnahme "ins Generalgouvernement" verlegt worden sei. Später erfuhr Hermann Bloch, dass Siegfried in eine "Einrichtung Chelm" bei Lublin verbracht worden sei. Schließlich bekam er die Nachricht, dass Siegfried am 31. März 1941 in Cholm bei Lublin gestorben sei. Auch stellte man ihm noch eine Rechnung mit den fehlenden Pflegekosten in Aussicht, die bei ihm eingehen würde.

Zum damaligen Zeitpunkt gab es die Einrichtung Cholm schon nicht mehr. Sie diente letztlich als „Briefkasten-Einrichtung“, um die Spuren der deportierten Menschen zu verwischen. Die Briefe mit der Todesnachricht wurden in Berlin geschrieben und nach Cholm transportiert, um dort abgestempelt zu werden.

Mehr zur Geschichte des Wittekindshofes erfahren Sie hier.