Die Knabenschule im Haus Morgenstern und die Mädchenschule im Gerahaus werden Mitte der 1920er Jahre reformiert.
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1887 bis 1914

Anfänge

Der Wittekindshof wird am 2. Mai 1887 von Pfarrer Hermann Krekeler (1841 bis 1898) aus Volmerdingsen in Ostwestfalen gegründet. Unter dem Namen "Asyl für evangelische Blöde aus Westfalen" soll der Wittekindshof ein sicherer Aufenthaltsort für Menschen mit geistiger Behinderung sein. Als ehemaliger Mitarbeiter von Friedrich von Bodelschwingh dem Älteren hatte Pfarrer Krekeler selbst erlebt, dass Menschen mit geistiger Behinderung besondere Unterstützung brauchen. Weil es für diese Menschen in Westfalen keine Spezialeinrichtung gibt, entschließt er sich, eine neue Einrichtung in dieser Provinz zu schaffen.

Staat und Kirche kümmern sich kaum um diese Menschen. Armut und Elend, wie sie aus der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts resultierten, trifft sie deshalb besonders hart. Trotzdem findet Pfarrer Krekeler Unterstützer für sein Vorhaben. Er erhält Zuwendungen und kauft für 16.200 Goldmark einen Bauernhof in Volmerdingsen. Das Anwesen erhält den Namen Wittekindshaus. Namensgeber ist Sachsenherzog Wittekind.

Die westfälischen Provinzialstände unterstützen die Arbeit der Einrichtung. Noch im Gründungsjahr wird sie in Wittekindshof umbenannt. Erster Bewohner im September 1887 ist ein achtjähriger Junge. Und schon im Jahr darauf beziehen auch die ersten Frauen ein eigens dafür errichtetes Mädchenhaus. 1889 verleiht Kaiser Wilhelm II. dem Wittekindshof die Rechte einer juristischen Person. Die Bewohnerzahlen steigen stetig und erfordern weitere Neubauten.

1893 tritt ein Fürsorgegesetz in Kraft, das die staatliche Finanzierung der Heimplätze sichert. Die im Deutschen Reich verbreiteten Landarmenverbände werden verpflichtet, dem Wittekindshof öffentliche Mittel zuzuleiten. Etwa die Hälfte der inzwischen 200 Bewohner erhält so eine Art festen Pflegesatz. Nach dem Tod von Pfarrer Hermann Krekeler im Jahre 1898 wird die medizinische Versorgung vor Ort durch einen fest angestellten Arzt gesichert. Auch die Schule erhält ausgebildetes Lehrpersonal.

Mit dem Kauf der Hofstätte Volmerdingsen Nummer 83 am 2. Mai 1887 beginnt die Geschichte der Einrichtung.
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1914 bis 1933

Erster Weltkrieg und Aufbau

Die Versorgungslage ist kriegsbedingt schlecht. Nahrungsmittel und Brennstoff gehen zur Neige. Viele Bewohnerinnen und Bewohner des Wittekindshofes sterben an den Folgen der Unterversorgung. Acht Mitarbeiter der Einrichtung verlieren an der Front ihr Leben. 

Erst Mitte der 1920er Jahre bessert sich die Lage. Der Schulunterricht wird reformiert und im Wittekindshof etabliert sich eine moderne Arbeits- und Beschäftigungstherapie. 1926 entsteht mit dem Kauf von Schloss Ulenburg bei Löhne die erste Teileinrichtung außerhalb von Volmerdingsen. Die landwirtschaftlichen Flächen sollen die Nahrungs- und Brennstoffversorgung sichern. 1929 wird mit Haus Bethanien ein eigenes Krankenhaus eröffnet.

 

Bis zum Ende der Monarchie wird Kaisers Geburtstag auch im Wittekindshof patriotisch gefeiert.
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1933 bis 1945

Machtergreifung und Tod

In der Zeit des Nationalsozialismus steht der Wittekindshof unter großem Druck. Bereits Ende 1933 wird der Vorstand von Mitgliedern der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) dominiert. In der Mitarbeiterschaft gewinnt die nationalsozialistische Deutsche Arbeitsfront (DAF) an Einfluss. Durch Satzungsänderungen versuchen die Behörden den christlichen Charakter der Einrichtung aufzuheben.

Ab 1934 werden mit Billigung des Vorstandes Zwangssterilisationen im Krankenhaus Bethanien vorgenommen. Die Tötung von Menschen mit Behinderung hingegen wird strikt abgelehnt. 1940 treffen Meldebögen des Reichsinnenministeriums ein, mit denen die Heimbewohner in Heil- und Pflegeanstalten zu erfassen sind. Im Wittekindshof werden sie ausgefüllt, aber nicht abgeschickt. Auf staatliche Anordnung werden im gleichen Jahr sechs jüdische Bewohner verlegt und kurze Zeit später ermordet. 

Im Juni 1941 unternimmt eine Ärztekommission aus Berlin eine „erbbiologische Bestandsaufnahme“. Im Wittekindshof leben 1.330 Menschen mit Behinderung. 958 davon werden im Herbst in staatliche „Provinzialanstalten“ verlegt. Dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm fallen etwa 400 Bewohnerinnen und Bewohner des Wittekindshofes zum Opfer.

In der Folgezeit richtet die Wehrmacht auf dem Gründungsgelände ein großes Lazarett ein.

"Der Aufzug der Häuser" ist Teil eines Theaterstücks zum 50-jährigen Bestehen der Einrichtung 1937.
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1945 bis 2000

Wiederaufbau und Neuentwicklung 

Mit Ende des Kriegs wird Bad Oeynhausen zum Hauptquartier der britischen Rheinarmee. Die Einrichtung Wittekindshof wird enteignet und ab Juli 1945 zu einem britischen Militärhospital umgewandelt. Nur noch im Haus Friedenshöhe auf dem Gründungsgelände und im Schloss Ulenburg leben Menschen mit Behinderung. Im September 1948 geben die Briten den Wittekindshof wieder frei. Dessen Häuser sind in durchweg schlechtem Zustand und müssen erst wieder bewohnbar gemacht werden. 

Am 18. Mai 1949 wir die Diakonische Brüderschaft Wittekindshof gegründet. Hintergrund war die Überzeugung, „dass der Dienst an den Pfleglingen der Anstalt Wittekindshof nur getan werden kann in der der Bindung an Gottes Wort und die Kraft seines Geistes“. Anfangs bildet die Brüderschaft ihre Diakone ausschließlich für den Wittekindshof aus. Später arbeiten diese auch in anderen Einrichtungen. 

1956 erwirbt der Wittekindshof das Annaheim in Gronau, ein zuvor von Arbeiterinnen des Spinnereigewerbes genutztes Wohnheim. In den 1960er Jahren folgt der Kauf einer dritten Teileinrichtung: Es ist das Schloss Benkhausen bei Espelkamp. Und auch auf dem Gründungsgelände werden die Räumlichkeiten erweitert. Gleich zehn neue Gebäude kommen hinzu, darunter Wohnheime, Mitarbeiterwohnungen und Wirtschaftsgebäude. 

Mit Gründung eines Heilpädagogischen Seminars können sich Mitarbeiter nun direkt vor Ort ausbilden und qualifizieren lassen. Es entsteht das Evangelische Berufskolleg. In den 1970er Jahren geht die Entwicklung weiter: Das Berufsbildungs- und Förderungswerk wird gegründet. Gruppenübergreifende Freizeit- und Urlaubsangebote werden zum Standard. 1978 erkennt die Evangelische Kirche von Westfalen den Wittekindshof als Evangelische Stiftung an. 

1980 wird mit dem Schülerdorf ein Wohnangebot für 140 Kinder und Jugendliche eingeweiht. Erstmals leben dort Menschen beiderlei Geschlechts in Gruppen zusammen. Dieses Konzept setzt sich in den folgenden Jahren im gesamten Wittekindshof durch. Ein 1982 eröffnetes Therapiezentrum vereint vielfältige Therapieangebote unter einem Dach. 1990 erwirbt die Stiftung ein Ferienheim in Cuxhaven und baut dieses vollständig für den eigenen Bedarf um. In den Jahren darauf entstehen neue Wohnformen, die vor allem auf eine größere Selbstständigkeit ihrer Bewohner ausgerichtet sind. 1993 kommt mit dem Meyer-Spelbrink-Haus in Lübbecke-Nettelstedt die vierte Teileinrichtung hinzu. 1998 gründet sich ein Angehörigenbeirat. Im gleichen Jahr entsteht in Benkhausen die erste spezialisierte Wohngruppe für Menschen mit dem Prader-Willi-Syndrom.

Im Haus Vorwerk in Volmerdingsen werden um 1970 Haarspangen sortiert und verpackt.
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2000 bis heute

Ausbau und neue Standorte

Nach 2000 werden die Angebote im Wittekindshof systematisch ausgeweitet. Neben stationären Wohnangeboten entwickeln sich unterschiedlichste ambulant unterstützte Wohnformen. Sie ermöglichen ein selbstständiges Leben in der eigenen Wohnung und tragen den individuellen Lebensplanungen Rechnung.

Auf dem Gründungsgelände werden zahlreiche Heimplätze abgebaut und durch heimatnahe Wohnangebote an neuen Standorten ersetzt – so zum Beispiel im Ruhrgebiet. Die beiden Schlösser, die für die Unterbringung von Menschen mit Behinderungen nicht mehr geeignet sind, werden verkauft. Neben den Wohnangeboten werden zahlreiche neue Angebote in anderen Lebensumfeldern als eigenständige Bereiche geschaffen, die auch von Menschen mit Behinderung genutzt werden können, die keine Wittekindshofer Wohnangebote nutzen: Bildung in Familienzentren und eigenen Schulen, Berufsbildungsgänge, individuell angepasste Arbeitsplätze von Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen bis hin zu sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstellen im Integrationsunternehmen, Freizeitangebote in den Kontakt- und Informationszentren (KIZ), verschiedene therapeutische und medizinische Angebote und vieles mehr.

Nach einem mehrjährigen Beratungs- und Leitbildprozess entsteht 2010 (neben einem internen Handlungsleitenden Bild) ein neues Leitbild für den Wittekindshof. Außer den Mitarbeitenden wirken daran auch Angehörigenvertreter sowie Repräsentanten aus Kirche, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft mit. Aus dem Leitbildprozess wird eine Unternehmensstrategie abgeleitet. Sie legt bis 2023 klare Ziele fest, wie der zentrale Gedanke der Teilhabe in jedem Lebensalter durch weitere Angebotsentwicklungen noch besser praktisch umgesetzt werden kann.

Hannelore Kraft besucht beim Tatkraft-Tag 2015 den Wittekindshof.