Archivfoto: Mädchen gehen mit einer Diakonisse in die Kirche.
Auch in Einrichtungen der Behindertenhilfe wie dem Wittekindshof (Foto) und in der Psychiatrie haben Heimkinder 1950er bis 1970er Jahren Unrecht und Gewalt erfahren. Vom Heimkinderfonds waren sie ausgeschlossen, jetzt können sie über die "Stiftung Anerkennung und Hilfe" Beratung und Geld bekommen.
Ältere Frau liegt aufgerichtet auf Schlafsofa und ballt mühsam ihre Faust.
Ursel Weinand hat im Wittekindshof und anderen Einrichtungen der Behindertenhilfe Unrecht und Gewalt erfahren. Jahrelang hat sie gekämpft, weil sie aus dem Heimkinderfonds ausgeschlossen war. Jetzt wurde ihr Leid durch die "Stiftung Anerkennung und Hilfe" anerkannt und sie hat Geld bekommen. Ins Heim will sie trotz hohem Unterstützungsbedarf nie wieder.
Ein Mann mit weißen Haaren und Bart zeigt einen alten Heizkörper. Als Heimkind wurde er an Heizkörpern festgebunden.
Rolf Neumann wurde als Heimkind an Heizkörpern festgebunden und hat Schläge erhalten. Er hat auch über die Medien auf das Leid und Unrecht aufmerksam gemacht, die er und andere in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie erlebt haben und trotzdem aus dem Heimkinderfonds ausgeschlossen waren. Jetzt hat er endlich Geld von der "Stiftung Anerkennung und Hilfe" bekommen.
Ein Mann mit weißen Haaren und Bart, der kleine Kartoffeln zeigt, die er zur Strafe als Heimkind schälen musste.
Rolf Neumann musste als Kind und Jugendlicher im Wittekindshof zur Strafe eimerweise kleine Kartoffeln schälen, wurde an Heizkörpern festgebunden und hat Schläge erhalten. Er hat auch über die Medien auf das Leid und Unrecht aufmerksam gemacht, die er und andere in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie erlebt haben und trotzdem aus dem Heimkinderfonds ausgeschlossen waren. Jetzt hat er endlich Geld von der "Stiftung Anerkennung und Hilfe" bekommen.
Dierk Starnitzke
Vorstandssprecher Pfarrer Professor Dr. Dierk Starnitzke, Diakonische Stiftung Wittekindshof, Bad Oeynhausen

Nach Leid und Gewalt endlich Anerkennung

Wittekindshof informiert über neue Stiftung für ehemalige Heimkinder

Bad Oeynhausen/ Nordrhein-Westfalen/ Berlin/ Hamburg (AM). "Ich kämpfe immer weiter", erklärt Ursel Weinand mit erhobener Faust. Der Satz ist ein Lebensmotto der 74-Jährigen, die seit über 30 Jahren in Hamburg in einer rollstuhlgerechten Wohnung lebt. Sie ist ein ehemaliges Heimkind. Mit vier Jahren ist sie ins Heim gekommen, hat über 20 Jahre im Wittekindshof in Bad Oeynhausen und später in anderen Heimen für Menschen mit Behinderung gelebt. "Wir wurden mit Kleiderbügeln und Gürteln geschlagen und konnten fast nie raus. Heimlich haben wir unsere Höschen gewaschen, weil jeden Abend die Unterwäsche kontrolliert wurde. Wenn unsere Schuhe kaputt oder abgelaufen waren, hat man zur Strafe nichts zu essen bekommen und wurde eingesperrt", berichtet Weinand. Früher war sie oft mit dem Elektrorollstuhl unterwegs. Das schafft sie körperlich nicht mehr. Ihr Lebensmittelpunkt beschränkt sich seit ein paar Jahren weitgehend auf ihr Sofa. "Nie wieder Heim" sagt sie und hebt zur Verstärkung der Aussage ihre Faust. Das fällt ihr sichtlich schwer, weil sie durch eine schwere Lungenentzündung seit Wochen zusätzlich geschwächt ist.

Ausschluss aus dem Heimkinderfonds ist Skandal

"Viele Kinder und Jugendliche haben in den 1950er bis 1970er Jahren Gewalt, unwürdige Behandlung bis hin zur Misshandlung erfahren - auch im Wittekindshof. Das berichten ehemalige Heimkinder und das hat die wissenschaftliche Aufarbeitung der Wittekindshofer Geschichte bestätigt", berichtet Vorstandssprecher Pfarrer Professor Dr. Dierk Starnitzke, der mit vielen ehemaligen Heimkindern persönliche Gespräche geführt und sich dafür eingesetzt hat, dass alle noch vorhandenen Akten auf Wunsch zur Verfügung gestellt werden. "Vielen ehemaligen Heimkindern wurde erst die Kindheit gestohlen. Dann wurden sie zum Schweigen verurteilt und ihr Leid nicht anerkannt. Es ist ein Skandal, dass Frauen und Männer, die als junge Menschen in der Psychiatrie oder in Einrichtungen der Behindertenhilfe gelebt haben, aus dem Heimkinderfonds ausgeschlossen wurden, den der Runde Tisch Heimerziehung 2012 errichtet hat", erklärt Starnitzke, der sich jahrelang über Fachverbände und im direkten Kontakt mit Politik und Verantwortlichen für eine Öffnung des Heimkinderfonds eingesetzt hat. Der Vorstandssprecher war bei Fachgesprächen auf Landes- und Bundesebene, hat öffentlich Stellung bezogen und viele Briefe geschrieben. Außerdem hat er sich dafür stark gemacht, dass ehemalige Heimkinder als Experten in eigener Sache bei Anhörungen zu Wort kamen. Zu ihnen gehörten Ursel Weinand und Rolf Neumann, der als Kind im Wittekindshof geschlagen, an Heizkörper und Treppengeländer festgebunden wurde und viel Unrecht erlebt hat. Neumann hat wegen der Diskriminierung durch den Heimkinderfonds auch selbst den Kontakt zu Politikern gesucht und in Radio und Fernsehen betont: "Gewalt ist Gewalt. Gewalt gab es nicht nur in Erziehungsheimen, sondern auch in Behindertenheimen!" Weinand und Neumann waren zu Anhörungen im Sozialministerium in Berlin und haben von ihren Heimerfahrungen berichtet und betont, dass die Zeit drängt, weil schon viele ehemalige Heimkinder gestorben seien.

Neu: "Stiftung: Anerkennung und Hilfe"

Nach zähem Ringen hat Anfang des Jahres die "Stiftung Anerkennung und Hilfe" ihre Arbeit aufgenommen. Ehemalige Heimkinder, die in der Psychiatrie und in Einrichtungen der Behindertenhilfe Leid und Unrecht erlebt haben, erhalten 9.000 Euro pauschale Geldleistungen und bis zu 5.000 Euro Rentenersatzleistungen. "Die Rentenersatzleistungen sind niedriger als beim Heimkinderfonds, das ist ein Kompromiss, aber sonst hätte es wieder keine Einigung gegeben.", erklärt Starnitzke, der es besonders bedauert, dass bisher auch ehemalige Heimkinder aus dem Wittekindshof leer ausgegangen sind, die wertvolle Unterstützung bei der Aufarbeitung der Wittekindshofer Geschichte geleistet haben.

Wittekindshof informiert ehemalige Heimkinder

"Ehemalige Heimkinder, mit denen wir im engen Kontakt stehen, haben wir umgehend über die neue Stiftung informiert und zusätzlich in den Wittekindshofer Medien berichtet. Jetzt haben wir über 600 Briefe an Betreuer von Frauen und Männer verschickt, von denen wir wissen, dass sie zwischen 1949 und 1975 in Wittekindshofer Wohnhäusern gelebt haben und zu guten Teilen bis heute noch leben ", berichtet Starnitzke und ergänzt: "Seit einigen Wochen bekommen wir immer mehr Nachfragen von den Anlauf- und Beratungsstellen in den verschiedenen Bundesländern. Bisher konnten wir die meisten Nachfragen bestätigen, weil bei uns noch die meisten Akten vorhanden sind."

Gespräch und Geld tun gut

Ursel Weinand und Rolf Neumann gehörten zu den ersten Personen, die von der Stiftung Anerkennung und Hilfe profitieren. "Meine Betreuerin hat sich an die Stiftung gewandt. Dann ist eine Mitarbeiterin zu mir nach Hause gekommen. Das war der Durchbruch. Ich habe ihr alles erzählt", freut sich Neumann. Auch bei Ursel Weinand war eine Vertreterin der Stiftung: "Die hat mich ernst genommen. Sie hat zugehört und mir geglaubt." Beide haben mittlerweile das Geld von der Stiftung auf ihr Konto bekommen. Es wird weder als Einkommen noch als Vermögen angerechnet und muss deswegen auch nicht für Sozialhilfeleistungen eingesetzt werden. Neumann freut sich, dass er nun endlich einen "Notgroschen" zurücklegen kann. Weinand träumt davon, noch einmal an den Ort ihrer Kindheit zurückzukehren. Aber auch jetzt muss sie wieder kämpfen und hebt mühsam ihre Faust. Dieses Mal für ihre Gesundheit.

Stiftung Anerkennung und Hilfe
Zum 1. Januar 2017 hat die "Stiftung Anerkennung und Hilfe" ihre Arbeit aufgenommen. Sie wurde errichtet von der Bundesregierung, allen Bundesländern, der evangelischen und katholischen Kirche einschließlich Caritas und Diakonie. Als Aufgaben werden genannt:

  • öffentliche Anerkennung, indem die Stiftung die Geschehnisse thematisiert
  • Anerkennung durch wissenschaftliche Aufarbeitung der Leids- und Unrechtserfahrungen
  • individuelle Anerkennung durch ein persönliches Gespräch
  • Unterstützung durch finanzielle Hilfe.

Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation
Menschen, die als Kinder und Jugendliche zwischen 1949 und 1975 in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren haben und heute noch an Folgewirkungen leiden, können sich an die Anlauf- und Beratungsstellen in den Bundesländern wenden. Die Zuständigkeit richtet sich nach dem heutigen Wohnsitz.

Auf der Internetseite der Stiftung heißt es: "Qualifizierte Beraterinnen und Berater in den Anlauf- und Beratungsstellen unterstützen die Betroffenen in persönlichen Gesprächen bei der Aufarbeitung der Erlebnisse. Sind die Voraussetzungen für die Anmeldung erfüllt und nachgewiesen beziehungsweise glaubhaft gemacht, erhalten die Betroffenen eine einmalige Geldpauschale. Diese soll die Folgewirkungen des Erlebten abmildern und damit einen Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation leisten."

Bis zu 14.000 Euro für ehemalige Heimkinder
Die Stiftung zahlt als einmalige Leistungen:

  • 9.000 Euro pauschale Geldleistung zur freien Verfügung
  • 3.000 Euro Rentenersatzleistung für sozialversicherungspflichtige Arbeit von bis zu zwei Jahren ohne entsprechende Zahlungen an die Rentenkasse
  • zusätzlich 2.000 Euro, wenn der Arbeitseinsatz über mehr als zwei Jahre erfolgte.

Die Stiftung weist darauf hin, dass die Geldpauschale und die Rentenersatzleistung bei Bezug von Sozialleistungen nach dem Sozialgesetzbuch weder als Einkommen noch als Vermögen angerechnet würden und nicht pfändbar und steuerfrei seien. Die Anmeldefrist läuft bis zum 31.12.2019. In Westfalen und Lippe ist die zuständige Anlauf- und Beratungsstelle beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in Münster angesiedelt. Ansprechpartner sindBirgit Kühne und Mathias Ehrhard. Sie sind telefonisch erreichbar: dienstags, donnerstags und freitags ab 10 Uhr:

Infotelefon der "Stiftung Anerkennung und Hilfe"
Sprechzeiten: Montag bis Donnerstag von 8 bis 20 Uhr, Telefon: (0800) 221 22 18, www.stiftung-anerkennung-und-hilfe.de