Ein Mann hält einen Spaten in der Hand, während er vor einem Bauwagen steht.
Dirk Milosevic hat während des Spatenstichs zum neuen LWL-Wohnhaus einen Blick auf das Gelände an der Heinrich-Vormbrock-Straße geworfen. Hier entstehen bis Ende 2021 Einzelappartements für zwölf Menschen mit Behinderung und Adipositas oder dem seltenen Prader-Willi-Syndrom.
Eine Frau lehnt an der Außenwand eines Bauwagens.
Miriam Kempa ist bereits als Quartiersmanagerin vor Ort, um erste Kontakte zur Nachbarschaft zu knüpfen und Fragen zu beantworten.

Erste Kontakte zu den neuen Nachbarn

Wittekindshof leistet Quartiersarbeit für neues LWL-Wohnhaus in Lübbecke

Lübbecke (ACL). "Hier würde ich gerne einziehen", sagt Dirk Milosevic, während er auf die Baustelle an der Heinrich-Vormbrock-Straße in Lübbecke blickt. Der 49-Jährige ist ein potenzieller Mieter für das neue Wohnhaus, das dort entsteht.

Bauherr des Objekts ist der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL), der mit Unterstützung der Diakonischen Stiftung Wittekindshof Männer und Frauen mit geistiger Behinderung und Adipositas oder dem seltenen Prader-Willi-Syndrom (PWS) die Möglichkeit bieten will, in der eigenen Wohnung zu leben. Bei PWS handelt es sich um eine genetisch bedingte geistige Behinderung, die mit einer angeborenen Esssucht einhergeht und zu enormen gesundheitlichen Problemen führen kann.

Wunsch nach noch mehr Selbstständigkeit

Bisher lebt Dirk Milosevic im Wittekindshofer Wohnhaus an der Hermannstraße. Die spezialisierte Hauswohngemeinschaft für Menschen mit PWS bietet ihm bereits viel Selbstständigkeit aber auch ein hohes Maß an Unterstützung. Milosevic teilt sich ein Appartement mit einem Mitbewohner. Ihren Haushalt regeln die beiden Männer mit Unterstützung der Mitarbeitenden vor Ort: "Wir räumen gemeinsam auf, spülen und trocknen das Geschirr ab", sagt Milosevic, der tagsüber in den Wittekindshofer Werkstätten in Benkhausen tätig ist. "Ich arbeite gerne und bin in der Verpackung", berichtet er.

Seine Freizeit nutze er etwa, um Sport zu machen. In Kombination mit der passenden Ernährung hat der 49-Jährige so sein Gewicht in den vergangenen Jahren fast halbiert. "Ich halte mein Gewicht mittlerweile", freut er sich über seine Erfolge. Gleichzeitig sei in ihm der Wunsch nach noch mehr Entfaltungsmöglichkeiten gewachsen: "Ich möchte eine ganz eigene Wohnung, um so noch selbstständiger zu werden."

Technik unterstützt im Alltag

Mehr Selbstständigkeit durch Smart-Home-Technik: Genau das bietet das neue Wohnhaus an der Heinrich-Vormbrock-Straße. Intelligente Sprachassistenten unterstützen und erinnern an die nächste Mahlzeit oder einen anstehenden Termin. "Das gibt Struktur im Alltag und im Essverhalten, was gerade für Menschen mit PWS und Adipositas enorm wichtig ist - besonders in den eigenen vier Wänden. Deshalb ist das Projekt des LWL ein ideales Anschlussangebot für die spezialisierten Wohnhäuser des Wittekindshofes, in denen Ernährungskunde, Bewegung und individuelle Reflexionsgespräche zum Alltag gehören. Zudem haben wir Adipositas-Selbsthilfegruppen in Lübbecke aufgebaut und so ein verlässliches Netzwerk für die Männer und Frauen geschaffen ", sagt Miriam Kempa, die zuvor als stellvertretende Bereichsleitung an der Hermannstraße tätig war und Dirk Milosevic daher gut kennt.

Im Oktober hat sie die Bereichsleitung für das Kontakt- und Informationszentrum (KIZ) in Lübbecke übernommen - und das Quartiersmanagement für den Bereich an der Heinrich-Vormbrock-Straße. Bis Dezember 2021 soll das Haus einzugsbereit sein. Der Wittekindshof wird ein Service-Büro einrichten. Mitarbeitende unterstützen etwa beim Einkaufen, Kochen oder der Essenseinteilung aber auch bei Terminen mit Ämtern oder Behörden. "Wir leisten so viel Unterstützung wie es die Mieterinnen und Mieter wünschen", sagt Kempa.

Hemmschwellen abbauen

Sie ist bereits vor Ort, um erste Kontakte zur Nachbarschaft zu knüpfen. "Quartiersmanagement ist ein großes Wort, aber eigentlich beschreibt es die Arbeit ganz gut: Wir wollen in diesem kleinen Quartier schon jetzt für Fragen ansprechbar sein. Unser Ziel ist es, mit den Nachbarinnen und Nachbarn ins Gespräch zu kommen und mögliche Hemmschwellen gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen. Kontakte in der Nachbarschaft sind nicht nur für die künftigen Mieterinnen und Mieter eine Bereicherung", ist sich Kempa sicher. Mit 70.000 Euro wird die Quartierseinbindung vom LWL gefördert.

Kempas Büro befindet sich in einem Bauwagen, direkt auf der Baustelle. Montags von 15 bis 18 Uhr und mittwochs von 11 bis 14 Uhr sowie nach Absprache ist sie vor Ort und nimmt sich Zeit für Fragen und Anmerkungen. Es gebe viele Ideen, um mit den Menschen aus der Nachbarschaft in Kontakt zu kommen: etwa die gemeinsame Nutzung des Fitnessraumes. Auch für den Außenbereich fallen Kempa erste Projekte ein: "Für Menschen mit Adipositas oder PWS ist ein eigenes Hochbeet schon ein riesiger Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Sie übernehmen Verantwortung und lernen den gesunden Umgang mit Lebensmitteln. Vielleicht finden sich Männer und Frauen mit einem grünen Daumen, die Interesse an einem gemeinsamen Gartenprojekt haben und ihr Wissen mit den neuen Nachbarinnen und Nachbarn teilen möchten."

Zum Bau:

Das Programm "Selbstständiges Wohnen" (SeWo) des LWL wird in Lübbecke bis Dezember 2021 ein Wohnhaus mit Einzelappartements für zwölf Menschen realisieren, um den Mietern mit Unterstützung der Diakonischen Stiftung Wittekindshof eine höhere Selbstständigkeit im Wohnen und in der Lebensführung zu ermöglichen.

Die Gesamtkosten für das Bauvorhaben liegen bei knapp 2,4 Millionen Euro, für die behindertengerechte Technikunterstützung sind insgesamt 220.000 Euro vorgesehen. Darunter fallen elektrische Türantriebe, intelligente und programmierbare Umfeldsteuerung und der Einsatz von Sprachsteuerung in den Apartments. Zusätzlich bieten E-Ladesäulen Möglichkeiten für umweltschonende Mobilität für PKW und Fahrrad.