Schulleiter Andreas Becker-Brandt sitzt an seinem Schreibtisch.
Andreas Becker-Brandt, Leiter der Schule Wittekindshof, erläutert die Situation von Förderschulen mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung und körperlich-motorische Entwicklung: „Wann und unter welchen Bedingungen Förderschulen mit den entsprechenden Förderschwerpunkten wieder öffnen können, bleibt unklar. Grundlegende Fragen sind offen und werden wohl erst Ende der Woche geklärt.“
Ein Schüler und seine Lehrerin stehen an einem Beet und harken es.
Schüler Dorian und Lehrerin Martina Boberg harken das neue Blumenbeet, dass sie in den schulfreien Wochen angelegt haben. Bald sollen dort bienenfreundliche Blumen sprießen. Auch Insektenhotels wurden gebaut, die schon Abnehmer gefunden haben.

"Zu viele wichtige Fragen sind noch offen"

Während anderswo der Unterricht weitergeht, sind wichtige Regelungen für manche Förderschulen völlig unklar

Kreis Minden-Lübbecke/ Bad Oeynhausen-Volmerdingsen (JP). Während der Unterricht an den Grund- und weiterführenden Schulen langsam wieder aufgenommen wird, ruht der Betrieb der Förderschule Wittekindshof weiterhin. Wie lange, ist noch unklar. Dabei war die Hoffnung vergangene Woche groß: Das Schulministerium sprach davon, dass alle Kinder vor den Ferien wieder zur Schule gehen können. "Doch leider waren davon die Schulen mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung und körperlich-motorische Entwicklung ausgenommen - wenn auch mit gutem Grund", berichtet Andreas Becker-Brandt, Leiter der Schule Wittekindshof, Förderschule für den Kreis Minden-Lübbecke.

Klärung erst Ende der Woche

"Schülerinnen und Schüler dieser Schulen benötigen zum einen oftmals ergänzende pflegerische und therapeutische Angebote, die besonderen Hygienemaßnahmen unterliegen", lautete die Begründung des Ministeriums. Und zu groß sei die Sorge, dass die Förderschul-Kinder die grundlegenden Regeln des Infektionsschutzes nicht einhalten können und damit ihre eigene Gesundheit und die der anderen gefährden. "Aber wann und unter welchen Bedingungen Förderschulen mit den entsprechenden Förderschwerpunkten wieder öffnen können, bleibt noch unklar. Grundlegende Fragen sind offen und werden wohl erst Ende der Woche geklärt. Eine für alle Beteiligten - Eltern, Betreuer und Lehrer - unbefriedigende Situation. Es ist die neunte Woche ohne normalen Schulbetrieb. Die Eltern kommen verständlicherweise an ihre Grenzen", berichtet Becker-Brandt. Doch bevor die Entlastung kommt, müssten zunächst die Rahmenbedingungen feststehen. Leider geht das Ministerium in seinen zahlreichen Schreiben an die Schulen nicht darauf ein. "Wir sind ziemlich allein gelassen mit den Planungen", bemängelt Becker-Brandt.

"Kein Ganztag und keine tägliche Beschulung möglich"

Er unterstützte es ausdrücklich, das Infektionsrisiko für die Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte sowie die Angestellten so gering wie möglich zu halten. Und um dies zu gewährleisten, müsse beispielsweise die sichere Beförderung der Kinder geklärt werden. Dürfen mehr Fahrzeuge eingesetzt oder größere, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten? Und werden die Kosten übernommen? Müssen Lehrkräfte und alle Schülerinnen und Schüler Mund-Nasen-Schutze tragen? "Viele unserer Schülerinnen und Schüler werden das Tragen der Masken nicht tolerieren. Hinzu kommt das Problem der Kommunikation: Viele unserer Kinder können verbale Sprache nur schwer deuten, sie orientieren sich an der Mimik der Menschen. Ein Teil unserer Schülerinnen und Schüler kann sich zudem nicht konsequent an den Sicherheitsabstand von 1,5 Metern halten. Welche weiteren Schutzmaßnahmen können wir dann für die Mitschüler ergreifen und wer zahlt diese Kosten? Aber sobald wir diese Vorgaben des Ministeriums erhalten und ein Termin zur Öffnung genannt wird, können wir unseren Beschulungsplan konkretisieren", stellt Andreas Becker-Brandt Eltern und Betreuern in Aussicht. Für den Schulleiter ist ein "rollierenden System" denkbar: Nicht alle Klassen können gleichzeitig da sein. Zudem müsse die Anzahl der Kinder pro Klasse verkleinert werden, um den Abstand zu gewährleisten. Zudem stehen etwa ein Drittel weniger Lehrkräfte zu Verfügung. Zahlreiche Kollegen und Kolleginnen gehören den definierten Risikogruppen an oder sind über 60 Jahre, schwerbehindert oder schwanger. "Das wird dazu führen, dass wir bei einer Schulöffnung keinen Ganztag und auch keine tägliche Beschulung mehr anbieten können", betont er.

Notbetreuung, Lernpakete und Naturprojekte schaffen Abwechslung

Bis die Schule Wittekindshof wieder ihre Türen öffnen darf, schaffen Becker-Brandt und seine Kollegen weiterhin Abhilfe: Neun Kinder besuchen derzeit die drei Notbetreuungsgruppen. "Mehrere Lehrkräfte unterstützen Schülerinnen und Schülern im Wittekindshofer Kinder- und Jugendbereich: Sie unternehmen mit einzelnen draußen etwas oder setzen Naturprojekte um und sorgen so für Abwechslung im Alltag", berichtet er. Andere Lehrkräfte bringen "Lernpakete" mit Aufgabenheften und Arbeitsblättern in die Wohnhäuser oder zu den Kindern nach Hause und bieten Videokonferenzen an, in denen mit Schülern und Eltern Aufgaben besprochen oder erklärt werden. Im Wittekindshofer Wohnhaus Flensburg/Kiel, einem spezialisiertem Wohnangebot für Säuglinge, Kinder und Jugendliche mit komplexer Mehrfachbehinderung, findet aufgeteilt in zwei Gruppen Hausunterricht statt. Kinder, die zu Schulzeiten einen Schulbegleiter (Integrationshelfer) haben, können auch zu Zeiten der Corona-Pandemie auf diese Unterstützung setzen: Sie kommen zu den Jungen und Mädchen nach Hause oder in die Wohnhäuser.

"Wir versuchen, so nah wie möglich an den Kindern dran zu bleiben, ihre Entwicklung zu fördern und ihnen zu zeigen, dass wir für sie da sind. Das ist nicht immer leicht und verlangt allen viel ab. Die Bereitschaft, diese schwierige Situation gemeinsam zu bewältigen ist groß und bin sehr dankbar, dass wir diese engagierten Lehrkräfte haben", betont Becker-Brandt.

Schule Wittekindshof

Die Schule Wittekindshof ist die Förderschule der Diakonischen Stiftung Wittekindshof für den Kreis Minden-Lübbecke mit Förderschwerpunkt geistige sowie die körperliche und motorische Entwicklung. Sie besuchen etwa 190 Kinder und Jugendliche mit geistiger, körperlicher und mehrfacher Behinderung im Alter von 6 bis 25 Jahren. Der Unterricht findet in jahrgangsübergreifenden kleinen Klassen statt. Oft unterrichten zwei Lehrkräfte unterstützt durch weiteren pädagogischen Fachkräften sowie Integrationshelferinnen und -helfer. Für jede Schülerin und jeden Schüler werden individuelle Lern- und Förderpläne aufgestellt. Die Bandbreite reicht von der Wahrnehmungsförderung bis zum Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen auf verschiedenen Niveaus. Schwerpunkte bilden die Förderung der Selbstständigkeit und Kommunikation, das Erlernen alltagspraktischer Fähigkeiten sowie die Vorbereitung auf das Erwachsenen- und Berufsleben.