Ein erster Schritt in Richtung Selbstständigkeit

Angehörige und Betreuer besichtigen Wittekindshofer Wohnhaus an der Arnoldstraße

Ahaus (HP). "Wenn Julien hier einziehen will, müssen wir lernen, loszulassen. Das wird ein hartes Stück Arbeit." Andrea Görnt schaut ihrem Sohn dabei zu, wie er neugierig die Räume des lichtdurchfluteten Neubaus Arnoldstraße erkundet, den die Diakonische Stiftung Wittekindshof für Menschen mit Behinderung errichtet hat. Julien Görnt lugt durch die Fenster, beäugt die neuen Räume, lächelt verschmitzt. Er ist 22 Jahre alt und wohnt bislang bei seinen Eltern in Ahaus. Nun steht im Raum, dass er ausziehen könnte. Womöglich in das neue Wohnhaus, das auf dem Gelände des ehemaligen Hallenbads entstanden ist. Die Besichtigung des Hauses war Teil einer Infoveranstaltung, zu der der Wittekindshof Angehörige und rechtliche Betreuer eingeladen hatten. Sie sollten die Möglichkeit bekommen, sich ein Bild vom Gebäude zu machen und dabei Mitarbeitende und die zukünftige Bereichsleiterin Anna Berchem kennenzulernen.

Neuer barrierefreier Gebäudekomplex

Der Grundstein für das zweigeschossige Gebäude mit L-förmigem Grundriss war im März 2018 gelegt worden. Entstanden ist ein roter Klinkerbau, der Raum für 24 Männer und Frauen bietet, und ebenso wie das Nebengebäude für Tagestrukturierende Angebote (TSA) barrierefrei gestaltet ist. Die TSA richten sich an Senioren oder Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung keiner Arbeit nachgehen können.

Verbunden sind das Wohn- und das Nebengebäude an der Arnoldstraße über einen geschützten Innenhof. Für alle Bewohner wird es ein Einzelzimmer mit eigenem Bad geben. Neben diesen Einzelzimmern sind auf jeder Etage zwei Einheiten mit Wohn-Esszimmer, Küche und Terrasse oder eigenem Balkon entstanden, die von jeweils sechs Personen genutzt werden können. Alle Fenster sind fast bodentief eingelassen, so dass auch Menschen hinausblicken können, die auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind. "Im Neubau können Menschen mit hohem pflegerischen und heilpädagogischen Unterstützungsbedarf genauso einziehen wie solche, die selbstständiger sind oder es werden wollen", erklärt Diakon Jörg Frieske, der als Geschäftsbereichsleiter die Wittekindshofer Wohnangebote in Ahaus verantwortet.

Zentrale Lage für bessere Teilhabe

Die Lage des circa 3.800 Quadratmeter großen Wohnkomplexes soll alle Möglichkeiten zur Teilhabe eröffnen. "Das Haus liegt zentral in der Innenstadt, so dass die Menschen, die hier einziehen, kurze Wege haben und ihren Alltag entsprechend vielfältig gestalten können", betont Jörg Frieske. Die Mehrzahl der Bewohner zieht aus Wittekindshofer Wohnhäusern in Gronau nach Ahaus um, weil sie dort ihre Wurzeln haben. Aber es wurden auch Zimmer für Menschen reserviert, die bislang zum Beispiel bei ihren Familien gewohnt haben. Dazu könnte künftig auch Julien Görnt gehören, dessen Elternhaus von der Arnoldstraße aus fußläufig erreichbar ist. "Das wäre schon eine riesige Erleichterung, weil wir dann wüssten, dass er nicht weit von uns entfernt wohnt", sagt sein Vater Jörg Görnt. Wie seine Frau findet auch er es schwierig, seinen Jüngsten ein Stück in die Selbstständigkeit zu entlassen. "Aber er liebt es, mit anderen Menschen zusammen zu sein, also sollten wir ihm diese Chance geben", lenkt er ein.

Unter den Besuchern, die das neue Wohnhaus besichtigen, sind auch Alina Rensing (21) und ihre Eltern. Die Familie wohnt im benachbarten Alstätte. "Auch deshalb können wir uns gut vorstellen, dass Alina in das neue Wohnhaus einzieht", sagt Mutter Christa Rensing, während sie die Treppen hoch in den ersten Stock nimmt. Ihre Tochter benötigt feste Strukturen und viel Unterstützung. Aber weil auch eine Freundin von Alina Rensing überlegt, in das Haus Arnoldstraße einzuziehen, glaubt ihre Mutter, dass Alina sich direkt wohl fühlen würde. Die neuen Bewohner müssten sich natürlich erst einmal kennenlernen und aneinander gewöhnen. Aber genau darin sieht Christa Rensing eine "tolle Möglichkeit für Alina", die dadurch erstmals lernen könne, sich in eine Gruppe zu integrieren. Wenn es nach Alina selbst geht, würde sie direkt in eins der neuen Zimmer einziehen. Das helle Eckzimmer soll es sein, am besten sofort. "Das sieht alles gut aus, ich hoffe wirklich, dass Alina die Chance bekommt, hier einzuziehen", sagt Christa Rensing, und lässt sich von ihrer Tochter ins nächste Zimmer führen.

Bezugsfertig soll das neue Wohnhaus Arnoldstraße spätestens am 1. September sein. Dann wird der Einzug gruppenweise organisiert. "Dadurch vermeiden wir nicht nur ein Umzugschaos, sondern erleichtern auch den Übergang aus der gewohnten Umgebung", erklärt Jörg Frieske.