Wenn der Lieblingsverein beim Lesenlernen hilft Ehrenamtlicher Lese- und Schreibkurs in Bünde stärkt Menschen mit Beeinträchtigung

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Als Julian Tiemann an diesem Tag vor seinem Arbeitsblatt sitzt, geht es nicht nur um Buchstaben. Es geht um ein Wort, das ihm viel bedeutet. Gemeinsam mit Philipp Schlüter füllt er einen Lückentext aus und lernt, wie der Name seines Lieblingsfußballvereins geschrieben wird: HSV. 

Auch das Wort Stadion steht auf dem Blatt. Für Julian Tiemann ermöglicht die Übung etwas, das er schon lange möchte: besser lesen und schreiben können.

Seit gut einem halben Jahr gibt Philipp Schlüter im Wittekindshof in Bünde einen Lese- und Schreibkurs für Menschen mit Beeinträchtigung. Der promovierte Literaturwissenschaftler stammt ursprünglich aus Vlotho und ist vor einiger Zeit nach Ostwestfalen, genauer gesagt nach Bad Oeynhausen, zurückgekehrt. „Über die Ehrenamtsbörse der Stadt Bad Oeynhausen bin ich dann auf den Wittekindshof aufmerksam geworden. Im Gespräch mit der dortigen Freiwilligenzentrale entstand die Idee für einen Schreib- und Lesekurs“, sagt der 37-Jährige. 

Begleitet wird das Angebot von der Wittekindshofer Mitarbeiterin Diakonin Miriam Marten. „Einige Menschen, die wir unterstützen, haben den Wunsch geäußert, lesen und schreiben zu können oder ihre Fähigkeiten darin zu verbessern. Deshalb sind wir sehr froh über Philipps Ehrenamt“, sagt die gelernte Erzieherin. 

Dass der Kurs in einer kleinen Gruppe stattfindet, sei dabei ein großer Vorteil. So könne auf die einzelnen Teilnehmenden besonders gut eingegangen werden. Das bestätigt auch Julian Tiemann. Der Bünder wird vom Wittekindshof unterstützt und wollte schon lange lesen und schreiben lernen. Im Kurs habe er einen Rahmen gefunden, der für ihn passt. „Mir macht der Kurs Spaß, weil wir in einer kleinen Gruppe sind und ich mich dann besser konzentrieren kann“, sagt er. Dass Wörter aus seinem eigenen Leben im Mittelpunkt stehen, motiviere ihn zusätzlich.

Teilhabe an Kommunikation

„Teilhabe an der alltäglichen Kommunikation in Wort und Schrift haben, ist auch Partizipation“, sagt Philipp Schlüter. Genau darin liegt für ihn der Kern des Kurses. „Wichtig ist zuerst die Frage: Welche Wörter möchtet ihr überhaupt schreiben können?“, erklärt der Literaturwissenschaftler. Gelernt werden keine abstrakten Beispielwörter, sondern Begriffe, die für die Männer und Frauen unmittelbar wichtig sind, etwa Lebensmittel für den Einkauf, die eigenen Namen, die Namen von Mitarbeitenden oder Wörter, die am Bahnhof Orientierung geben. So verbindet der Kurs Lesen und Schreiben mit konkreten Situationen aus dem täglichen Leben und stärkt damit zugleich Selbstbestimmung und Teilhabe. 

Philipp Schlüter

Besonders schön ist für mich zu erleben, dass das, was wir uns überlegt haben, auch wirklich funktioniert

„Ich wollte keinen Kurs geben, in dem ich einfach nur erkläre, wie Lesen und Schreiben aus meiner Sicht funktioniert. Mir war wichtig, Materialien zu entwickeln, an denen sich die Teilnehmenden gut orientieren können“, sagt Philipp Schlüter. 

Dazu gehört etwa eine Übersicht über die Buchstaben des Alphabets mit passenden Abbildungen. So können die Teilnehmenden selbstständig Rückschlüsse ziehen und Buchstaben wiedererkennen. Die Methode verbindet damit alltagsnahe Wörter, visuelle Unterstützung und Wiederholung. 

„Besonders schön ist für mich zu erleben, dass das, was wir uns überlegt haben, auch wirklich funktioniert“, sagt der Literaturwissenschaftler. „Und natürlich freue ich mich jedes Mal auf die Gespräche mit den Klientinnen und Klienten. Die Begegnungen sind für mich das Wichtigste. Das Schreiben und Lesen kommt tatsächlich eher danach – obwohl mir das natürlich auch Spaß macht“, sagt er und lacht. 

Ehrenamt in der Stiftung

Sandra Pollex von der Wittekindshofer Freiwilligenzentrale betont, dass genau solche Angebote zeigen, wie vielfältig ehrenamtliches Engagement in der Stiftung sein kann. „Ob wöchentlich, monatlich oder einmalig in einem Projekt: Wir finden ein Ehrenamt, das zu den Menschen passt und ihnen Freude bereitet“, sagt sie. 

Der Lese- und Schreibkurs in Bünde sei ein gutes Beispiel dafür, wie aus einer Idee ein konkretes Angebot entstehen könne, das Menschen mit Beeinträchtigung im Alltag stärke. Mehr Infos für Interessierte gibt es hier:

Ehrenamt