„Nun ist mein Bruder tot“ In Gedenken an Samuel Bloch, genannt Siegfried

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Der Wittekindshof erinnert am 27. Januar an sechs jüdische Bewohner*innen, die 1940 im Zuge des „Euthanasie"-Programms der Nazis ermordet wurden. Einer von ihnen war Samuel Bloch, genannt Siegfried. 

Anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus stellt die Stiftung die Biografien dieser sechs Menschen vor. Sie sind anhand von Patientenakten und Krankenblättern aus dem Archiv des Wittekindshofes sowie durch Recherchen, insbesondere in der Datenbank der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, rekonstruiert worden. Ziel ist es, die Menschen hinter den Akten sichtbar zu machen – ihre Persönlichkeit, ihre Beziehungen, ihre Hoffnungen und ihre Würde – und so ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.

  • Kindheit

    Samuel Bloch, genannt Siegfried, kam am 31. Januar 1874 in Barnstorf, Kreis Diepholz, zur Welt. Seine Eltern waren Nachmann und Bertha Bloch, jüdische Geschäftsleute. Siegfried Bloch war der älteste von mindestens sechs Kindern. Die Familie verzog Anfang der 1880er Jahre nach Osnabrück, wo der Vater ein eigenes Geschäft betrieb. 

    Mehrere Jahre hatte Siegfried Bloch in der Anstalt Langenhagen bei Hannover gelebt und dort ein wenig lesen und rechnen gelernt. In seinem 12. Lebensjahr kehrte er zurück ins Elternhaus. 

    Nachdem die Mutter 1902 gestorben war, lebte er zusammen mit seinem Vater in Osnabrück. Da der Vater 1910 sein Geschäft an einen von Siegfried Blochs Brüdern übergeben hatte, ist anzunehmen, dass er sich zur Ruhe setzen und Siegfried gut versorgt wissen wollte.

  • Aufnahme im Wittekindshof

    Nachdem Nachmann Bloch im September 1910 Kontakt mit dem Wittekindshof aufgenommen hatte, konnte Siegfried Bloch am 7. Oktober im Haus Friedenshöhe aufgenommen werden. Dort fand er ein neues Zuhause bis zu seiner Deportation.

    Als der Vater 1914 starb, hatte er testamentarisch verfügt, dass sich Siegfrieds nächstjüngerer Bruder Hermann um ihn kümmern sollte. Zudem waren Siegfried als Erbe 18.000 Mark zugefallen, die Hermann verwaltete und die für die Unterbringung und Kleidung verwendet wurden.

    Aber nicht nur Hermann kümmerte sich um den Bruder im Wittekindshof, auch andere Geschwister besuchten Siegfried Bloch regelmäßig. 

  • Leben im Wittekindshof

    Siegfried Bloch muss ein genügsamer, fröhlicher und reinlicher Mensch gewesen sein. Besonders gerne rauchte er Zigarren und er las in der Zeitung. Um 1929 wurde er mit Botengängen innerhalb des Wittekindshofs beschäftigt. Ab Februar 1932 wurde er mit Kartoffelschälen und später in der Wagenkolonne beschäftigt. 

    Die Schwere seiner geistigen Beeinträchtigung wurde als „Schwachsinn höheren Grades“ eingeschätzt. 1936 kamen dann Erregungszustände dazu, die sich in lautem Schimpfen äußerten.

  • Ermordung

    Um die jüdischen Gemeinden zu drangsalieren, zwang der NS-Staat sie, die Kosten für Menschen jüdischen Glaubens in den Heil- und Pflegeanstalten zu übernehmen. So war ab 1. Januar 1939 die Jüdische Freie Wohlfahrtspflege bzw. die jüdische Gemeinde Osnabrück verpflichtet, für seine Unterbringung im Wittekindshof zu zahlen. Nach vielem Hin und Her zog letztlich der Oberpräsident der Provinz Hannover das Geld von diesen Stellen ein und zahlte es an den Wittekindshof. Am 1. Januar 1940 galt Siegfried Bloch auf Verfügung des Oberpräsidenten der Provinz Hannover als Selbstzahler.

    Siegfried Bloch wurde zusammen mit den anderen fünf jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern des Wittekindshofs am 21. September 1940 nach Wunstorf verlegt und am 27. September in der Tötungsanstalt Brandenburg/Havel ermordet. 

    Nachdem Hermann Bloch noch am 21. September von der Verlegung seines Bruders erfuhr, schrieb er am nächsten Tag an den Wittekindshof und forderte 400 Mark zurück. Diese hatte er 1933 dem Wittekindshof überwiesen, um für Siegfrieds Beerdigung vorzusorgen, damit er auf dem jüdischen Friedhof in Osnabrück beigesetzt werden könnte. 

    Wie aus dem weiteren Schriftwechsel mit dem Wittekindshof hervorgeht, hat Hermann Bloch versucht, den Aufenthaltsort seines Bruders herauszufinden und bat auch Pastor Brünger, den Vorsteher des Wittekindshofs, um Hilfe. Schließlich erfuhr Hermann Bloch, dass Siegfried in die Anstalt Cholm bei Lublin verlegt worden sei. Von dort erhielt er nach mehrmaliger Anfrage nie Post. Allerdings erreichte ihn am 6. April 1941 von dort ein Schreiben. In diesem Brief teilte man ihm Siegfried Blochs Tod am 31. April 1941 mit. Neben zwei Sterbeurkunden wies man ihn auf eine Rechnung für die Unterbringung hin, die ihm in den nächsten Tagen noch zugehen würde. Hermanns Brief an den Wittekindshof endet mit dem Satz: „Nun ist mein Bruder tot.“ Es war klar, dass er wusste, was Siegfried widerfahren war. 

    Herrmann Bloch selbst und seine Ehefrau wurden nach 1941 Opfer des Holocausts, ebenso zwei Schwestern und deren Familien.