„Da wir Juden sind“ In Gedenken an Alice Bukofzer

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Der Wittekindshof erinnert am 27. Januar an sechs jüdische Bewohner*innen, die 1940 im Zuge des „Euthanasie"-Programms der Nazis ermordet wurden. Eine von ihnen war Alice Bukofzer.

Anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus stellt die Stiftung die Biografien dieser sechs Menschen vor. Sie sind anhand von Patientenakten und Krankenblättern aus dem Archiv des Wittekindshofes sowie durch Recherchen, insbesondere in der Datenbank der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, rekonstruiert worden. Ziel ist es, die Menschen hinter den Akten sichtbar zu machen – ihre Persönlichkeit, ihre Beziehungen, ihre Hoffnungen und ihre Würde – und so ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.

  • Zeit in Berlin

    In Berlin kam am 2. August 1920 Alice Bukofzer als einziges Kind der jüdischen Kaufleute Abraham (genannt Adolf) und Anna zur Welt. Die Eltern, selbst Cousin und Cousine, führten die geistige und körperliche Beeinträchtigung ihrer Tochter auf die enge Verwandtschaft zurück – eine Diagnose, die sie dazu bewog, auf weitere Kinder zu verzichten.

    Alice Bukofzer, von allen wohl liebevoll „Liesl" genannt, litt an einem „angeborenen Schwachsinn mittleren bis schweren Grades", heute als geistige Beeinträchtigung mittleren bis höheren Grades bezeichnet, und einem „Hydrocephalus internus", umgangssprachlich als „Wasserkopf" bezeichnet, einer Ansammlung von Gehirnflüssigkeit im Schädel.

  • Kindheit

    Alice Bukofzer sprach kaum, verstand aber viel, konnte kleine Aufgaben erledigen und Melodien summen. Ihre Eltern waren 1928 nicht mehr in der Lage, sich um ihre Tochter zu kümmern, da sie unter beengten Wohnverhältnissen lebten und sie merkten, dass ihrer Tochter der Kontakt mit anderen Kindern fehlte.

    So verbrachte Alice Bukofzer von 1928 bis 1938 ihre Kindheit im Heil- und Erziehungsheim Sonnenhaus in Buschgarten bei Fürstenwalde

  • Zeit im Wittekindshof

    Durch die antisemitischen Gesetze des nationalsozialistischen Staates und die zunehmende Ausgrenzung geriet die Familie unter wirtschaftlichen Druck: „Wir mußten das Kind des Preises wegen nach 9 Jahren vom Sonnenhaus nehmen; da wir Juden sind, wurden wir leider durch die wirtschaftliche Lage dazu gezwungen", schreibt der Vater in einem Hilferuf an den Wittekindshof, als er um Aufnahme seiner Tochter bat.

    Im April 1938 fand Liesl dort ein neues Zuhause, zunächst wie bei Neuaufnahmen üblich, im Marienheim, später im Marthahaus. Sie beteiligte sich an Kreisspielen, wobei sie unermüdlich ihre eigenen Melodien summte, war aber sonst kaum zu beschäftigen. Alice Bukofzer war in vergnügter Stimmung und bereitete keine erzieherischen Schwierigkeiten. Bemängelt wurde, dass sie häufig nachts einnässte. Leider verschlechterte sich Anfang August 1940 ihr Zustand. Sie beteiligte sich nicht mehr an Spielen und wurde völlig beschäftigungsunfähig. Aus diesem Grund verlegte man sie ins Haus Jairuspforte. 

  • Ermordung

    Von dort wurde Alice Bukofzer am 21. September 1940 in die Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf gebracht. In der Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel nahm man ihr am 27. September das Leben.

    Ihre Eltern, die bis zuletzt in Berlin blieben, wurden 1943 in Auschwitz ermordet.