Durchblick 2020-02

„Ich will nicht über die Menschen lachen, sondern mit ihnen“ Phil Hubbe stellt alltägliche Barrieren dar

Phil Hubbe ist Karikaturist, hat Multiple Sklerose (MS) und zeichnet „behinderte ­Cartoons“. Im Gespräch erzählt der Magdeburger, wie er dazu kam, welche Reaktionen er auf seine Zeichnungen bekommt und warum Cartoons über geistige Behinderung schwieriger sind.

Darf man über Menschen mit Behinderung Witze machen? Muss man über diese Frage noch diskutieren?

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum man das noch diskutieren muss. Ich stelle dann immer die Gegenfrage: Warum nicht? Behinderung gehört für mehr Menschen zum Leben dazu, als manch einer denkt. Humor verbindet und ich finde, man ist erst Teil einer Gemeinschaft, wenn gemeinsam gelacht wird. Wer also sagt „Darüber lacht man nicht“, schließt andere aus.

In Ihren Cartoons wird eigentlich weniger über Menschen mit Behinderung gelacht als vielmehr über alltägliche Barrieren und den Umgang der Gesellschaft mit Behinderung. Warum ist Ihnen das wichtig?

In erster Linie sollen meine Cartoons unter­halten. Aber häufig ergibt es sich aus der ­Situation, die ich zeichne, dass man am Ende über „die anderen“ lacht. Da ich selbst betroffen bin, kenne ich einige Situationen selbst, in denen Menschen mit Behinderung oder einer Krankheit im Alltag zu kämpfen haben. Mit meinen Zeichnungen kann ich so auch auf Probleme aufmerksam machen.

Gibt es für Sie auch Grenzen?

Satire darf meiner Meinung nach alles. Das entscheidende Kriterium für mich ist: Habe ich davon Ahnung, kann ich darüber etwas zeichnen? Wenn nicht, lasse ich es lieber sein. Früher habe ich über tödliche Krankheiten keine Witze gemacht. Mittlerweile zeichne ich auch Cartoons über Krebs oder ALS. (Anm. d. R. : Amyotrophe Lateralsklerose ist eine Erkrankung, die zu Schädigung oder Degeneration der Nervenzellen führt, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind.) Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade bei den Betroffenen ein Bedürfnis besteht, Witze über ihre eigene Situation machen zu können. Dennoch gibt es Situationen oder Behinderungen, die schwerer darzustellen sind, etwa geistige Behinderung.

Was macht die Darstellung von geistiger ­Behinderung schwieriger?

Körperliche Einschränkungen oder Beschwerden sind leichter darzustellen. Am Anfang habe ich über Menschen mit geistiger Be­hinderung gar nichts gezeichnet. Das hat sich mittlerweile geändert, aber ich bleibe da ­immer extrem vorsichtig.

Warum?

Weil es leicht dahin abdriften kann, dass man sich über diese Menschen lustig macht oder sie bloßstellt. Diejenigen, über die ich die Witze mache, sollen sie auch verstehen. Sie müssen nicht jeden Witz über ihre Situation lustig finden, aber sie sollten ihn verstehen können. Ich möchte nicht über sie lachen, sondern mit ihnen.

Worüber können Sie persönlich nicht lachen?

Ich hab es nicht so gerne, wenn ein Witz mit dem Holzhammer daherkommt, sondern wenn ich ein bisschen darüber nachdenken muss. Es muss für mich nicht immer extrem laut und fröhlich sein. Da ist mir abstruser und schwarzer Humor schon lieber. Monty Python zum Beispiel gefällt mir sehr.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ­„behinderte Cartoons“ zu zeichnen?

Ich wollte früher immer Comiczeichner werden und habe mir mit Zeichnungen für die Presse und Agenturen ein bisschen Geld dazu verdient. Die Idee der „behinderten ­Cartoons“ kam erst um die Jahrtausendwende. Ich bin zufällig auf den mittlerweile verstorbenen amerikanischen Zeichner John Callahan gestoßen, der selbst im Rollstuhl saß und über seine Behinderung recht deftige Witze ­gemacht hat. Er bekam viel Kritik, weil die Leute nicht wussten, dass er nach einem ­Unfall selbst querschnittsgelähmt war. Freunde von mir meinten dann: „Das kannst du doch auch machen. Und wenn Kritik kommt, ­verweist du auf deine Krankheit!“ Ich habe meine ersten Zeichnungen aber erst anderen Behinderten gezeigt. Weil ich doch Hemmungen hatte. „Darüber macht man keine Witze“, der Satz steckte auch in mir tief drin. Doch die Rückmeldungen ­waren nur positiv. Die meisten waren begeistert und hatten gleich noch mehr Themen für mich ­parat.

Würden sie auch „behinderte Cartoons“ zeichnen, wenn Sie nicht an MS erkrankt wären?

Wenn ich ehrlich bin, eher nicht. Ich hätte mich wahrscheinlich nicht an das Thema heran­getraut. Heute weiß ich aber: Es ist nicht wichtig, wer den Witz macht, sondern ob er gut ist. Und deshalb sollten auch ­Menschen ohne Behinderung Behindertenwitze ­machen dürfen. Das sehen manche Betroffene zwar anders, aber wenn wir in einer Gemeinschaft dazugehören und gleichberechtigt ange­sehen werden wollen, müssen für alle dieselben Rechte gelten.

Die Bedenken waren also da?

Eindeutig ja. Auf dem Gebiet gab es gerade in Deutschland nichts Vergleichbares. Am Anfang haben mir viele Zeitungen geschrieben, dass es zwar witzig sei, aber aus Rücksicht auf ihre Leser könnten sie diesen oder jenen Cartoon nicht bringen. Bis heute erscheinen meine Cartoons über Behinderte nicht auf einer Witze-Seite. Es gibt immer einen begleitenden, einordnen Text dazu. Mittlerweile wird es etwas lockerer, weil auch ganze ­Komödien zum Thema Behinderung einen humorvolleren Blick auf Dinge werfen. Der Film „Ziemlich beste Freunde“ ist ein Beispiel.

Hat sich beim Thema Inklusion aus Ihrer Sicht also mittlerweile einiges getan?

In der Betroffenen-Szene sind humoristische Themen und meine Cartoons viel verbreiteter. Aber in der Gesellschaft ist noch lange keine Normalität eingetreten. Das sehe ich meinen Ausstellungen: Sobald sich Menschen beobachtet fühlen, haben sie immer noch Hemmungen über meine Zeichnungen zu lachen. Und auch fernab des Humors gibt es noch viel zu tun: Fernsehsendungen für Menschen mit Behinderung führen quasi ein Nischen­dasein, es gibt kaum Moderatoren oder Sportkommentatoren, die eine sichtbare Behinderung haben, und wenn, dann tritt er oder sie nur bei den Paralympics auf. In den USA sind Gebärdendolmetscher bei wichtigen Pressekonferenzen oder Ankündigungen im Fernsehen ganz normal, aber wo gab es das früher im deutschen Fern­sehen? Erst seit der Corona-Pandemie sind mir diese Dolmetscher erstmals aufgefallen.

Wie sind die Reaktionen auf Ihre ­Zeichnungen, von wem kommt Kritik?

Menschen, die selbst betroffen sind, oder ­einen Betroffenen kennen, gehen ganz anders mit meinen Cartoons um. Sätze wie „Das macht man nicht, das geht nicht“ kommen fast immer nur von Leuten, die keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderung und deshalb auch keine Erfahrung haben. Von Betroffenen selbst bekomme ich vielmehr Beschwerden, warum es noch keinen Cartoon über ihre Krankheit gibt. Das ist natürlich eine Kritik, mit der ich gut ­leben kann. Schöneres Lob gibt es ja eigentlich nicht. Ich bekam mal eine Zuschrift von einer Schweizerin, deren Mann an MS erkrankt ist. Er habe zum ersten Mal seit fünf Jahren herzhaft über seine Krankheit ­lachen können, weil er meinen Cartoon über MS ­Rainer gesehen hatte.
Die Cartoons um die Figur MS Rainer sind die ersten Zeichnungen über Krankheiten und Behinderung von Ihnen. Wie viel Phil Hubbe steckt in MS Rainer?

Ein Stück von mir steckt schon in MS Rainer. Als ich die Diagnose erhielt, Familie und Freunden davon berichtete und erste Einschränkungen auftauchten, habe ich schon einige Aspekte in die Zeichnungen einfließen lassen. Aber mittlerweile ist die Figur von mir losgelöst, da ich nicht im Rollstuhl sitze und deshalb nicht die gleichen Barrieren erfahre, die MS Rainer in den Cartoons begegnen. Aber so lassen sich auch Erfahrungen von anderen Betroffenen umsetzen.

Haben Sie durch Ihre Erkrankung Ein­schränkungen bei der Arbeit?

Mein Arzt sagte mir direkt, dass ich meinen Beruf nicht weiter ausüben könnte. Ich bin körperlich zwar eingeschränkt, gerade auf der rechten Seite, und muss immer mal wieder Pausen machen, aber das Zeichnen ist bisher kein Problem, weil ich Linkshänder bin. Dass ich weiterhin zeichnen kann, ist vielleicht auch einer der Gründe, warum es mir gesundheitlich immer noch recht gut geht. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.

Wie hat Ihnen das Zeichnen im Umgang mit Ihrer Krankheit geholfen?

Das Schlimme an der Krankheit ist, dass sie immer weiter fortschreitet. Dadurch kann man nie richtig abschalten. Jedes Kribbeln könnte ein neuer Schub sein. Ich kann nicht sagen, wie es mir in fünf oder zehn Jahren geht. Das sind Gedanken, die immer in ­meinem Hinterkopf herumschwirren. Das Zeichnen ist fast wie eine Therapie für mich. Es war immer mein Traum. Und ich weiß von anderen Betroffenen, wie belastend es ist, plötzlich nicht mehr arbeiten zu können. Von daher ist das ein großes Glück für mich, dass ich meinen Beruf weiter ausführen kann.

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Entzündung des Nervensystems, die das Gehirn sowie das gesamte Rückenmark betreffen kann. Bei den Erkrankten entzünden sich Nervenstrukturen, was unterschiedliche Beschwerden auslöst wie zum Beispiel Seh- und Gefühlsstörungen, Schmerzen oder Lähmungen. MS zählt zu den so genannten Autoimmun­krank­heiten, das heißt: Das körpereigene Immunsystem ist fehlgesteuert und richtet sich gegen gesunde, körper­eigene Strukturen. Bislang ist Multiple Sklerose nicht heilbar.

Phil Hubbe wurde 1966 in Haldensleben in Sachsen-Anhalt geboren und lebt mittlerweile in Magdeburg. 1988, mit 22 Jahren, erhielt er die Diagnose Multiple Sklerose (MS). 1992 machte Phil Hubbe schließlich sein Hobby zum Beruf und zeichnete etwa Karikaturen für ­Tageszeitungen und Agenturen. 1999 entschied er sich, erste Cartoons über Menschen mit Behinderung zu veröffentlichen. Eine seiner ersten Figuren war dabei „MS Rainer”. Für seine ­„behinderten Cartoons”, die er auch in ­Bildbänden veröffentlicht (2018 erschien der ­mittlerweile siebte Band beim Lapplan- Verlag), wurde Phil Hubbe mit diversen Preisen ausgezeichnet.

Humor braucht Beziehung Gemeinsames Lachen in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung

Seit November 2011 bin ich als Psychologin für den Wittekindshof im Einsatz. Als ich gefragt wurde, ob ich etwas zum Thema „Humor“ ­schreiben könnte, fiel mir eine lehrreiche Begebenheit ein: Zwei Klientinnen baten mich um eine Paarberatung, und wir führten daraufhin ein sehr konstruktives Gespräch. Im Anschluss meinte ich, sie hätten sich meine persönlichen „Orden für Super-Duper-Premium-Konfliktlösungen“ verdient. Am nächsten Tag blickte ich in enttäuschte Gesichter. Sie hatten meinen Kommentar wörtlich genommen. Die Orden, die wir dann bastelten, wurden sehr schön.
Natürlich hatten und haben auch diese Klientinnen Sinn für Humor. Nur meinen Versuch, eine ironische Bemerkung anzubringen, hatten sie nicht erkannt. Um Ironie zu erfassen, benötigt man die „Theory of Mind“, die Fähigkeit, sich in die Gedankenwelt seines Gegenübers hineinzuversetzen. Diese Fähigkeit entwickeln Kinder in einem Alter von etwa vier Jahren. Was wir witzig finden, worüber wir lachen und welche Art von Humor wir selbst produzieren können, hängt also unter anderem auch vom Stand unserer sozio-emotionalen Entwicklung ab. Für eine Einschätzung der (humoristischen) Kompetenzen des Gegenübers kann das Wissen über den Stand der emotionalen Entwicklung hilfreich sein.
Um dieses Entwicklungsniveau der uns anvertrauten Menschen einschätzen und in unserer Arbeit berücksichtigen zu können, nutzen wir im Wittekindshof das „Schema der emotionalen Entwicklung“ (kurz: SEO). Die Psychologen erfragen mit Hilfe dieses Interviewleitfadens in einem Gespräch mit Bezugspersonen die individuell vollzogenen Entwicklungsschritte in acht Bereichen. Als Ergebnis ergibt sich über die sogenannte SEO-Stufe ein Referenz-(Entwicklungs-)Alter, welches angelehnt an die kindliche Entwicklung ist.

Auf einer Wellenlänge

Unabhängig von den kognitiven Fähigkeiten und dem emotionalen Entwicklungsalter haben alle Menschen gelegentlich Probleme mit dem Humorverständnis. Sicherlich hat jeder schon einmal den Scherz seines Gegenübers nicht verstanden oder bei der eigenen Humorproduktion in verständnislose Gesichter geblickt. Humor funktioniert, wenn man humoristisch auf „einer Wellenlänge“ funkt. Ist das für Mitarbeitende und Klienten sowie Klientinnen der Fall, schafft gemeinsames Lachen ein hohes Maß an Nähe in der professionellen Beziehung und bereichert diese.
Um herauszufinden, was wer witzig findet, ist bei vielen Menschen mit Behinderung eine gute Beobachtung wichtig. Eine schwerst-mehrfachbehinderte Frau, die ihre Umwelt aufgrund ihrer Einschränkungen fast ausschließlich über den Hörsinn wahrnehmen kann, quietscht jedes Mal vor Vergnügen, wenn sie Nieslaute vernimmt, obwohl sie unmittelbare, laute Geräusche aufgrund ihrer Blindheit eher unangenehm findet. Man sollte in ihrer Nähe auch nicht stolpern oder Sachen fallen lassen. Das erfreut sie zutiefst. Aufgrund ihres emotionalen Entwicklungs­niveaus ist dies aber eher keine Schadenfreude, vermutlich entsteht die Komik durch den Überraschungseffekt aufgrund der Diskrepanz zwischen ihrer Wahrnehmung und der daraus resultierenden Erwartung.

Mehr Leichtigkeit

Damit Humor nicht unbeabsichtigt verletzt und als Schadenfreude oder Spott missdeutet wird, müssen nicht nur wir die Menschen, die wir unterstützen, gut kennen, sondern auch sie müssen uns kennen und einschätzen ­können. Wir müssen eine gute Beziehungsebene haben. Im Rahmen dieser vertrauensvollen Beziehung kann Humor beispielsweise einer Grenzsetzung die Härte nehmen und einer notwendigen Motivation Leichtigkeit geben.
Mieke Janssens, eine Niederländerin mit langjähriger Erfahrung in der Begleitung von Menschen mit geistiger Behinderung, zeigt, dass der Einsatz von Humor sogar systematisch auf einer professionellen Ebene als pädagogisches Werkzeug sinnvoll ist. Sie bietet Fortbildungen für den hilfreichen Einsatz von Humor im Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung an. Unter anderem wird der gezielte Einsatz von Humor etwa zur Deeskalation gezeigt und geübt.
Dass dies auch bei unseren Klienten und Klientinnen gut funktionieren kann, zeigen ihre individuellen Krisen-/Stufenpläne. In diesen Plänen werden neben den Überlegungen zu Ursachen und Auslösern von Krisen in mehreren Stufen das Verhalten des Klienten oder der Klientin in der Eskalation und die sinnvoll darauf abgestimmten deeskalierenden Maßnahmen der Mitarbeitenden beschrieben. Zumindest zu Beginn der Krise wird dort bei einigen – neben anderen Maßnahmen wie einem ruhigem Tonfall oder dem Spiegeln der wahrgenommenen Emotionen – auch Humor im Sinne eines Überraschungseffekts oder als Anknüpfungspunkt an die Beziehung als Mittel der Wahl angeführt.

Positives Arbeitsklima

In der Forschung wurde Humor sehr lange stiefmütterlich behandelt. Vielleicht lag das an der im Vergleich zu anderen Konstrukten wie der Intelligenz vermeintlich fehlenden Ernsthaftigkeit. In jüngsten Studien wurde ein positiver Zusammenhang zwischen Resilienz, also der Fähigkeit schwierige Situationen ohne größeren (psychischen) Schaden zu bewältigen, und der Bewältigungsstrategie „Humor“ festgestellt. Gleich mehrere Studien zeigen, dass Lachen wirklich gesund ist. Es baut Stress ab, setzt Glückshormone frei, fördert die Durchblutung, was gut für das Herz-Kreislauf-System ist, und stärkt das Immunsystem. Haben Mitarbeitende die Fähigkeit, die Komik in den manchmal widrigen Umständen ihrer oft sehr anspruchsvollen Arbeit zu erkennen und darüber zu lachen, kann diese persönliche Ressource hilfreich sein.
Einfach gesagt: Gemeinsames Lachen sorgt für ein positives (Arbeits-)Klima, baut Spannungen ab, wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus und schafft eine Verbindung zwischen Mitarbeitenden und Klienten sowie Klientinnen, die professionell genutzt werden kann.
Dann fangen wir mal mit dem Lachen an: „Wie viele Psychologen braucht man, um eine Glühbirne einzuschrauben? Einen. Die Glühbirne muss dann aber auch wirklich wollen!“

Jessica Oster, Master of Science Psychologie

Witze als Eisbrecher Das Büro für Leichte Sprache baut mit Humor und Spaß Hemmschwellen ab

„Zwei Schnecken unterhalten sich …“, ertönt aus dem Tablet, das Annika Lange-Kniep vom Wittekindshofer Büro für Leichte Sprache in den Händen hält. „Auch mit Sprachcomputern lassen sich Witze erzählen“, sagt die Diakonin. Gerade in der Unterstützten Kommunikation seien Spaß und Humor eine wichtige Grundlage für Menschen mit Sprachstörungen, um positive Erfahrungen zu sammeln und Hemmschwellen abzubauen.

Menschliche Komponente

„Ein lustiger Spruch oder ein Witz ­können wahre Eisbrecher sein. Sie fordern vom Gegen­über eine Reaktion und verleihen dem technischen Hilfsgerät eine menschliche Komponente. Männer und Frauen mit einer Sprachstörung sehen, dass ihr Gesprächs­partner lacht und vielleicht mehr über den Computer und den Menschen, der ihn bedient, erfahren wollen.“ Momente, die gerade für Erwachsene mit einer Sprachstörung, essentiell seien. „Anders als die Sprachförderung von Kindern ist die Förderung für Erwachsene noch relativ jung. Diese Menschen hatten lange Zeit wenige Möglichkeiten, sich zu verständigen. Und wer immer wieder negative Erfahrungen aufgrund der Sprachbarriere macht, zieht sich irgendwann zurück oder kommuniziert nur noch mit einem ganz kleinen Kreis an Vertrauten“, sagt Lange-Kniep.
Apropos Vertrauen: „Das ist ein ­weiterer wichtiger Aspekt in unserer Arbeit“, fügt die Diakonin hinzu. Deshalb gehen die Mitarbeitenden des Büros für Leichte Sprache mit gutem Beispiel voran und nutzen die ­Talker – wie die komplexen Sprachcom­puter genannt werden – in Gesprächen mit ­Klienten und Klientinnen und bei der Einweisung in die Geräte. „So sehen unsere Kunden: Auch andere sprechen mit diesem Gerät, das ist ganz normal.“
Denn der Umgang mit den Talkern, deren Kosten auf Antrag von der Krankenkasse übernommen werden, will geübt sein. „Es ist wie das Lernen einer neuen Sprache. Die Nutzer müssen erst einmal die richtigen Symbole finden und die Logik des Menüs durchdringen. Das braucht Zeit“, weiß Annika Lange-Kniep. „Nicht immer funktioniert alles reibungslos. Umso wichtiger ist, dass wir uns auch mal mit einem humorvollen Spruch foppen, Witze erzählen und gemeinsam lachen.“ Spaß mindert den Frust. Und das sei wichtig, „gerade bei Menschen, die durch ihre negativen Sprecherfahrungen, eine niedrige Frustrationstoleranz haben“. Dass sich der Einsatz lohnt, zeigen die Erfahrungen, die die Mitarbeitenden des Büros für Leichte Sprache immer wieder machen. „Wir haben Klienten, die mit 70 oder 80 Jahren erstmals einen Sprachcomputer nutzen und so endlich die Möglichkeit und das Selbstvertrauen haben, sich über ihre häufig festgefahrenen Kommunikationsstrategien hinaus mitzuteilen“, sagt die Diakonin.
Bernd Nolteernsting hat früher schlechte Erfahrungen mit dem Einsatz von damals noch nicht gut ausgereiften Talkern gemacht. „Er wurde nicht verstanden oder nicht ernst genommen“, sagt Lange-Kniep. Langsam wurde er an die Nutzung moderner Geräte herangeführt. Heute sind sie eine Bereicherung für ihn. Der 60-Jährige ist Rollstuhlfahrer und geht gerne einkaufen. Er ist leidenschaftlicher Kaffeetrinker. Die Kaffeefilter allerdings sind im Regal für ihn nicht erreichbar. „Für Bernd haben Kollegen einen entsprechenden Satz hinterlegt, mit dem er andere Kunden und Mitarbeitende des Supermarkts bitten kann, ihm die Filter zu reichen“, nennt die Expertin für Leichte Sprache und Unterstützte Kommunikation ein Beispiel.

Sprechen in der Gruppe

Für Motivation sorgen auch die zwei Talker­gruppen, die sich einmal wöchentlich in Volmerdingsen treffen, Nolteernsting ist einer von ihnen. Jeweils vier Männer und Frauen mit einer Sprachstörung haben hier die Möglichkeit, ihre Sprachcomputer zu testen, sich in der Bedienung zu üben, aber vor allem, sich mit anderen via Talker auszutauschen. „So lässt sich Mut tanken und die Hemmungen sinken, zum nächsten Bäcker zu gehen und sich ein Brötchen zu kaufen“, sagt Lange-Kniep. „Während der Corona-Pandemie konnten sich diese Gruppen zum Schutz vor Infektionen eine Zeit lang nicht treffen.“

„Moin, ihr Landratten“

Bevor das Gerät den Bedarfen und Wünschen aber entsprechend eingerichtet wird, überlegen sich die Nutzer gemeinsam mit ihren Bezugspersonen, ob es lustige Sprüche oder Witze gibt, die dort hinterlegt werden können. „Das ist eine der ersten Fragen, die wir stellen“, sagt Lange-Kniep und erinnert sich an einen Klienten, der zur Begrüßung „Moin, ihr Landratten“ in seinen Talker einspeichern ließ. „Das gibt dem Gespräch sofort eine persönliche Note, und Reaktionen sind quasi vorprogrammiert.“ In der Regel wird dafür die mechanische Stimme genutzt, die für Männer, Frauen und Kinder angepasst wird. „Auch wenn sie im ersten Moment befremdlich klingen mag, ist sie doch die Stimme des Benutzers“, betont die Diakonin. Bei Witzen komme es aber auf die Betonung an, dann helfe es, wenn Bezugsmitarbeitende oder Angehörige diese einsprechen.
Einen Lach-Knopf gibt es übrigens nicht. „In der Regel brauchen die Nutzer das nicht, weil sie Lachen und Freude mit ihrer eigenen Stimme ausdrücken können. Im Zweifelsfall ist eine Gebärde aber auch viel wirkungsvoller und eindrücklicher, als ein mechanisches Lachen“, sagt Annika Lange-Kniep.

Talker im Video

Wer wissen möchte, wie der Schnecken-Witz ausgeht und wie ein Sprachcomputer funktioniert, kann sich dazu ein Video unter youtube.de/wittekindshof ansehen oder mit seinem Handy den QR-Code scannen.

„Behindert – So what!“ Inklusives Social-Media-Team von Hephata hat Humor und Ideen

Haben Menschen mit Behinderung überhaupt Humor? Na klar, das weiß jeder, der sich die Videos des inklusiven Social Media Teams der Evangelischen Stiftung Hephata aus Mönchengladbach ansieht. „Behindert – So what!“ heißt der Youtube-Kanal auf dem die Menschen mit Behinderung eigene Videos hochladen. Die acht Mitglieder beweisen nicht nur Humor, sondern stellen sich auch gesellschaftlichen Problemen und Barrieren. Im Gespräch erzählen sie von ihrer Arbeit.

„Böse Witze – darüber lacht das Social-Media-Team“ heißt eine Ihrer Videoreihen. Darin erzählen Sie Witze über Menschen mit Behinderung. Wer darf aus Ihrer Sicht Behindertenwitze machen?

Okan Türkyilmaz: Wenn ein Mensch mit Behinderung darüber Witze macht, finde ich das gut. Bei anderen kommt das meiner Meinung nach auf den Kontext an. Wenn eine Person, die mit einem Menschen mit Behinderung befreundet ist, einen Witz macht, ist das auch okay. Aber bei einem Fremden kann das schnell verletzend sein. Und nicht jeder mag das Gleiche. Einige finden die Witze ­lustig, einige gar nicht.
Stephan Krings: Ich finde, es sollten nur Menschen mit Behinderung selber über sich Witze machen. Wenn das andere machen, muss das schon sehr gut beobachtet und reflektiert sein, wie bei Kabarettisten und nicht so wie bei Comedy. Wichtig ist, dass keine Vorurteile und Klischees über Menschen mit Behinderung bedient werden und man sich über sie lustig macht.

Haben Sie einen Lieblingsbehindertenwitz?

Marina Sehlmann: Oh, da gibt es viele!
Okan Türkyilmaz: Zum Beispiel: „Was haben RTL und Fukushima gemeinsam? Sie strahlen so lange aus, bis alle behindert sind.“ Den finde ich richtig gut.
Stephan Krings: Ich hätte einen zum Thema psychische Erkrankungen: „Ich bin nicht ver­rückt, das hätten die Stimmen mir doch ge-sagt!“
Zora Kiesow: Das ist mein Lieblingswitz: „Im Altersheim wird durchgezählt: Die blonde Pflegerin: ‚Alle mit einem Rollstuhl bitte kurz aufstehen.‘“

Wie stoßen Sie auf die Witze? Und wie sind die Reaktionen bei Leuten, die Ihre Videos schauen?

Leo Drinceanu: Die Witze kann man alle im Internet finden. Für unsere Videos suchen wir dann immer danach.
Okan Türkyilmaz: Im Internet haben wir eigentlich nur positives Feedback bekommen. Wenn nicht wir über unsere Behinderung Witze machen, wer dann? Wobei ein Bekannter das anders gesehen hat, als ich ihm davon erzählt habe. Der meinte, darüber dürfe man keine Witze machen. Es gibt immer unterschiedliche Meinungen.

Welchen Barrieren begegnen Sie in Ihrem Leben? Woran muss gearbeitet werden?

Leo Drinceanu: Gerade in älteren Städten gibt es viele Wege mit Pflastersteinen. Das ist für Rollstuhlfahrer schwierig. In Monschau zum Beispiel kommt man mit einem Rollstuhl kaum durch die Stadt.
Philipp Fuchs: Viele Bahnhöfe haben keine Aufzüge für Rollstuhlfahrer. Wenn wir aussteigen und es gibt keinen Aufzug, wie sollen wir dann von den Bahnsteigen wegkommen? Dann braucht man immer Hilfe.

Eine Situation, die Sie am Hauptbahnhof in Rheydt, einem Stadtteil von Mönchengladbach, gefilmt haben. Darin zeigen Sie, wie schwierig es für Rollstuhlfahrer ist, selbstständig zum Bahnsteig zu gelangen. In dem Fall nämlich gar nicht, weil es keine Aufzüge gab, einen verschlossenen Nachtzugang und eine marode Rampe. Hat sich durch Ihr Video etwas geändert?

Leo Drinceanu: Darauf gab es sehr viele gute Kommentare, aber bisher hat sich nichts verändert. Außer dass die Rampe mittlerweile abgebaut wurde und ein Betreten-verboten-Schild aufgestellt wurde.

Die Arbeit bringt es mit sich: Sie sind viel im Internet unterwegs. Sehen Sie im Netz viele andere Menschen mit Einschränkungen? Findet das Thema Behinderung im Internet überhaupt statt?

Marina Sehlmann: Ich finde es schade, dass Menschen mit Behinderung augenscheinlich bei TikTok keine Reichweiten bekommen. Wir haben auch Talente und wollen diese zeigen. Warum entzieht die Plattform diesen Leuten also ihre Reichweiten?
Okan Türkyilmaz: Es kommt auf die Internetseiten an: Das Thema Behinderung findet auf Youtube dagegen viel mehr statt. Der Kanal von Leeroy läuft sehr gut. Das ist ein Typ, der im Rollstuhl sitzt und unterschiedliche Menschen trifft und interviewt. Der Content gefällt mir und Leeroy wird auch von der Aktion Mensch unterstützt. (Anm. d. R. : Leeroy Matata sitzt seit seinem vierten Lebensjahr im Rollstuhl und ist ein deutscher Youtuber, der seit 2013 Videos im Internet veröffentlicht.)
Auch gut gefällt mir Raul Kraut­hausen, der auch ein Buch geschrieben hat und auch außerhalb von Youtube aktiv ist. (Anm. d. R. : Raul Krauthausen ist ein deutscher Menschenrechts- und Inklusionsaktivist, der die Glasknochenkrankheit hat und 2019 zu Gast beim Wittekindshofer Aschermittwochsempfang war.)

Wo stoßen Sie im Netz auf Barrieren? Was sollten Menschen ohne Behinderung mehr beachten?

Stephan Krings: Für Menschen mit geistiger Behinderung wären mehr Internetseiten in Leichter Sprache gut. Oder Audiodateien, die die Texte vorlesen. Das gibt es meiner Meinung nach bisher noch zu wenig im Internet.

Wie war es, das erste Mal vor der Kamera zu stehen?

Okan Türkyilmaz: Mein erstes Video war mit Jochen Klenner (Anm. d. R. : CDU-Landtags­abgeordneter in NRW). Da war ich schon sehr aufgeregt. Ich hatte mit Politik nicht so viel am Hut, aber wollte immer schon mal was mit Journalismus machen und habe viele Interviews geguckt. Die Nervosität ist in drei, vier Minuten weggegangen, weil ich schon ungefähr wusste, was ich machen muss. Einfach locker bleiben und die Fragen stellen. Ich hab mich mit Jochen Klenner auch außerhalb des Drehs unterhalten und dann ging das eigentlich. Danach das Video zu sehen, war ein sehr komisches Gefühl. Aber es hat Spaß gemacht.
Leo Drinceanu: Ich war total aufgeregt, das erste Mal vor der Kamera zu stehen.
Philipp Fuchs: Es war sehr spannend. Man weiß am Anfang nicht, wie es läuft. Jetzt bin ich nur noch kurz aufgeregt, und das ist dann ganz schnell weg.

Wie läuft das Drehbuchschreiben?

Okan Türkyilmaz: Die Drehbücher schreiben wir immer zu zweit, und dann schauen wir nochmal mit anderen, was man beachten muss. Denn man muss auch die Kameraeinstellung beachten, ob man auf eine Totale oder eine Halbnahe gehen muss. Wenn du drinnen drehst, wie die Lichtverhältnisse sind, wie der Ton ist.

Und was ist Ihr Lieblingsvideo?

Rainald Stassen: Das ADHS-Video (Anm. d. R. : Der Titel des Videos lautet „Chaos im Kopf – Menschen mit ADHS erklären ADHS“).
Marina Sehlmann: Die „Was uns wirklich stört“-Videos, in denen wir über unsere Ziele sprechen und das, was uns stört. So kriegen die Leute das auch mit.
Okan Türkyilmaz: Mein Lieblingsvideo ist „Alles auf Abstand“ – unsere Studiotour. Ich hatte am Anfang leichte Bedenken, ob manche Szenen aus dem Drehbuch auch witzig rüberkommen. Aber das habe ich mir mit meiner Mama angesehen und wir lachen jedes Mal darüber. Es ist auch sehr informativ.

Mit wem würden Sie gerne noch Videos drehen?

Okan Türkyilmaz: Ich würde gerne mit Angie Berbuer ein Video machen. Sie hatte einen schweren Autounfall, bei dem sie beide Beine verloren hat. In Youtube-Videos hat sie erzählt, wie es ihr danach ging. Sie ist auf Instagram auch sehr aktiv und wirkt sehr sympathisch und sie würde zu unserem Kanal passen. Mit Simon Unge und anderen Youtubern würde ich auch gerne Videos machen. (Anm. d. R. : Simon Unge ist einer der erfolgreichsten Deutschen Youtuber, der seit 2011 Videos dreht und hochlädt.)
Marina Sehlmann: Auch wenn wir mit dem schon ein Video gemacht haben, finde ich den Youtuber Simon Will gut. Als wir den interviewt haben, war ich noch nicht dabei.
Zora Kiesow: Das Interview mit Sängerin Beatrice Egli war auch cool!

Welche Themen würden Sie sich gerne noch vornehmen?

Stephan Krings: Wir planen Videos über psychische Erkrankungen. Ich arbeite gerade an einem Video über Depressionen. Es geht darum, dass Leute vor die Kamera treten und über ihre Erkrankung reden. Später wollen wir vielleicht auch noch etwas über spät­erworbene Hirnschädigungen machen.
Rainald Stassen: Ich arbeite gerade am Video zum Thema Sexualbegleitung bei Menschen mit Behinderung.

Man merkt, da gibt es noch einige Themen und Ideen bei Ihnen. Was wünschen Sie sich, wenn Menschen über Ihre Videos sprechen?

Stephan Krings: Dass es einfach nur gut und interessant ist, egal ob behindert oder nicht.

 

TikTok ist ein derzeit rasch wachsendes soziales Netzwerk aus China, in dem kurze Videoclips hoch­geladen werden können. Die App ermöglicht es, Musikclips zu erstellen, zu bearbeiten (etwa mit Filtern oder Spezialeffekten) und diese dann mit anderen zu teilen. In die ­Kritik geriet TikTok unter anderem 2019 durch einen Bericht von „netzpolitik.org”. Dem Nachrichtenportal lagen interne Dokumente vor, in denen deutlich wurde, dass Menschen mit einer sichtbaren Behinderung, wie etwa ­Trisomie 21, oder Nutzer, die unter den Begriffen „Autismus” oder „Leben mit Behinderung” Videos veröffentlichten, in ihrer Reichweite ausgebremst ­wurden. Ihre Videos wurden anderen ­Nutzern dadurch weniger oft vorgeschlagen. TikTok begründete sein Vorgehen damit, Nutzer vor Cybermobbing schützen zu wollen. Das Unternehmen gab an, diese Regelungen nicht mehr um­zusetzen.

Das inklusive Social-Media-Team der Evange­lischen Stiftung Hephata besteht ausschließlich aus Menschen mit Behinderung und ist nach eigenen Angaben das erste seiner Art in Deutschland. Seit 2019 laden die ­Mitglieder Videos auf ihrem Youtube-Kanal „Behindert – So what!” hoch, posten Fotos auf ­Insta­gram und ­moderieren auch die ­eingehenden ­Kommentare. Unterstützt werden sie dabei von Hephata-Unternehmens­sprecherin Manuela Hannen sowie der Agentur des Social-Media-Profis ­Christoph Krachten. Gemeinsam wurden die Männer und Frauen in sechs­wöchigen Praktika im Umgang mit sozialen Netzwerken und dem ­Filmequipment geschult, ehe sie ihre Tätigkeit in den ausgelagerten Werkstattarbeitsplätzen aufnahmen. Die derzeit achtköpfge Gruppe gestaltete die Themen und übernimmt Auf­gaben selbst – vom Drehbuchschreiben übers Filmen bis zum Schnitt.

Fotos: Evangelische Stiftung Hephata

Persönlichkeitsentwicklung mit viel Humor Für Natascha Birkholz gehören Spaß und Ernsthaftigkeit zur Arbeit

Der Volksmund weiß es schon lange, auch die Wissenschaft hat es mittlerweile mehrfach bestätigt: Lachen ist gesund und macht glücklich. Lachen und Humor sind zudem ein guter Weg, um Gemeinschaft, Sympathie und Zusammengehörigkeit zu schaffen. Doch Humor und Behinderung sind noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Zusätzlich zur Frage, ob das Lachen über einen Behindertenwitz sozial vertretbar ist, wissen Menschen ohne Behinderung auch kaum etwas über Spaß und Humor von Menschen mit Behinderung. Haben und verstehen Menschen mit Behinderung überhaupt Humor?

Spitznamen als pädagogisches Mittel

Klar! Natascha Birkholz ist ein Beispiel dafür. „Ich bin immer gut drauf, außer ich bin traurig“, sagt sie von sich selbst. Die 22-Jährige hat dabei ein breites Grinsen im Gesicht. Sie hat sich gerade mit ihrer Arbeitskollegin im Berufsbildungsbereich der Betriebsstätte Sonnenbrede geneckt. „Spaß bei der Arbeit ist wichtig“, betont Birkholz. Mit Freude und Spaß vergehe die Zeit wie im Fluge. Birkholz mag ihre Kolleginnen und Kollegen sehr gerne. Genauso wie ihren Bildungsbegleiter Diakon Dirk Menke. Die beiden haben sich spaßig gemeinte Spitznamen gegeben. Natascha Birkholz wird „das Birkhühnchen“ genannt. Birkholz winkt mit ihrer Hand in Richtung Menke ab, als dieser sie so nennt. Dabei lacht sie sich scheckig. „Du sollst das nicht sagen!“ Warum sie so heißt? „Ich setze den Spitznamen bei Natascha als pädagogisches Mittel ein, um sie auf ihr Verhalten und Auftreten aufmerksam zu machen. Wenn Natascha gestresst oder aufgeregt ist, wedelt sie wild mit ihren Armen – wie ein Hühnchen mit den Flügeln wackelt“, erklärt Menke. „Dem Birkhühnchen“ steigen vor Lachen die Tränen in die Augen als Menke ihre hektischen Armbewegungen nachmacht. Sie nennt ihn im Gegenzug „Hähnchenkeule“. Es muss schließlich zusammen passen.

Berufliche Entwicklung

Seit gut einem Jahr ist Natascha Birkholz im Berufsbildungsbereich in der Sonnenbrede tätig. Vorher war sie im Berufsbildungsbereich in Benkhausen in Espelkamp. „Da habe ich Schrauben und Stifte verpackt. Hier bin ich im Wäscheservice“, berichtet die junge Frau. Die Arbeit gefällt ihr gut. Sie möchte auch nach Abschluss der Maßnahme im Februar 2021 weiter in diesem Bereich arbeiten. Zunächst war sie in Teilzeit im Wäscheservice. „Wir haben dann langsam die Arbeitszeiten gesteigert. Natascha musste sich erst an den Rhythmus gewöhnen, das hat gut geklappt und bevor die Corona-Pandemie zu Einschränkungen führte, war sie Vollzeit tätig“, führt Menke aus.
Birkholz kann sich wahnsinnig gut Zahlen und Daten merken. Ohne zu überlegen, weiß sie, wann sie in das Wohnangebot im Glatzer Garten in Espelkamp eingezogen ist. Auch dort ist sie für ihre fröhliche Art und ihre Späße bekannt. Die Geburtstage ihrer Mitbewohnerinnen und -bewohner kennt sie auswendig, auch den ihrer zuständigen Bereichsleitung Andrea Beringer. „Die hat heute Geburtstag“, sagt Birkholz überzeugt. „Dann können wir sie doch mal anrufen. Ihre Nummer weißt du doch bestimmt auch“, fordert Menke „das Birkhühnchen“ heraus. „Wieso?“, fragt die junge Frau frech. „Die kannst du doch in meinem Bildungsordner raussuchen“, foppt Birkholz zurück. Beide müssen lachen. Ihren Bildungsordner ziert ein typisches Bild der jungen Frau: offen und herzlichst lachend.

Spaß und Konzentration

Natascha Birkholz kann humorvoll und selbstironisch, aber auch konzentriert und selbstkritisch sein. So viel Späßchen auf der Arbeit auch gemacht werden, Birkholz macht gerne mit, konzentriert sich dann aber auch von selbst wieder und geht ihrer Arbeit nach. „Das war nicht immer so“, berichtet Dirk Menke. „Wir mussten die erste Zeit an Nataschas Konzentration, Geduld und auch der Impulskontrolle arbeiten“, führt er aus. Wenn bei Natascha Birkholz etwas nicht geklappt hat, haute sie mit der Hand mehrfach auf die Tischplatte, ein Ventil für ihren Frust. „Daran haben wir zusammen gearbeitet. Auch in diesem Fall habe ich ihr Verhalten gespiegelt. Das fand Natascha gar nicht gut. Aber wir haben darüber gesprochen und thematisiert, was ihr Verhalten auslöst und wie es auf andere wirkt. Wir legen in unserer Arbeit großen Wert auf eine gute Arbeitsatmosphäre und gegenseitigen Respekt. Wir arbeiten mit individuellen Lösungen, um die Persönlichkeitsentwicklung der Frauen und Männer optimal zu unterstützen. Das ist immer spannend und hochinteressant und kann nur mit einer gewissen Ernsthaftigkeit einhergehen, aber auch dadurch, dass man miteinander lacht“, betont Menke. „Stimmt doch, Birkhühnchen?“, sagt er zu der 22-Jährigen, die in ihre Arbeit vertieft ist und Handtücher zusammenlegt. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht schnappt sie sich eines der Handtücher und deutet an, es in Richtung Menke zu werfen.

Berufseinsteiger und ­-einsteigerinnen mit Behinderung entwickeln mit Bildungs­begleitern Bildungspläne und legen ein Qualifizierungsziel fest. Durch Qualifizierungsbausteine nach § 69 Berufsbildungsgesetz werden Inhalte in Anlehnung an Regelausbildungen vermittelt. Die berufliche Bildung findet in der Holzbearbeitung, der Metallverarbeitung, der Garten- und Landschaftspflege, der Hauswirtschaft, in Lager und Logistik, in Montage und Verpackung sowie im Büroservice statt. Teilnehmende werden bei der Entwicklung ihrer persönlichen, sozialen und allgemeinen Fähigkeiten unterstützt. Es werden Themen wie Arbeitsschutz, Materialkunde sowie der Umgang mit Werkzeugen und Maschinen vermittelt. Nach Durchlaufen des Berufsbildungsbereiches wird entschieden, ­welche Folgemaßnahme die richtige ist. Ziel ist, eine größtmögliche Eigenständigkeit im Arbeitsleben und im sozialen Umfeld zu erreichen.

„Lichtlein, die auch leuchten wollen“

Nach der Katastrophe des 1. Weltkriegs und der schwierigen Nachkriegszeit setzte in Deutschland ab 1924 eine Ära von relativer politischer Stabilität und wirtschaftlichem Aufschwung ein, die „Goldenen Zwanziger“. Auch der Wittekindshof profitierte davon. Nach etwa einem Jahrzehnt der Stagnation und Rückschläge konnte nun die Einrichtung weiter ausgebaut werden. So entstanden Neubauten wie das Marien- und Lazarusheim, das Krankenhaus Bethanien, oder Immobilienkäufe konnten getätigt werden wie das Schloss Ulenburg mit seinen landwirtschaftlichen Flächen. Außerdem wurden neue Therapieformen eingeführt wie zum Beispiel die „aktivere Krankenbehandlung“, eine konsequente Ausrichtung auf die Arbeits- und Beschäftigungstherapie. Letztlich konnten mit den neuen Gebäuden die Anzahl der Bewohnerschaft gesteigert und damit die Einnahmen erhöht werden. Auch der Pflegesatz konnte 1925 von 1,50 Mark auf 2 Mark angehoben werden.
Dennoch konnte die Einrichtung nicht davon ausgehen, dass die Pflegegelder in ausreichender Höhe dauerhaft erhalten blieben. Einige der Wohlfahrtsämter und Kreisausschüsse, die Bewohnerinnen und Bewohner in den Wittekindshof entsandt hatten, waren in finanziellen Nöten. Deshalb forderten sie den Wittekindshof immer wieder auf, Personen zu benennen, die eventuell zur Entlassung in Frage kämen. In der Regel lehnte dies der Wittekindshof aber ab mit dem Hinweis auf das schwierige Verhalten der Menschen.
Zur langfristigen Sicherung des mittlerweile recht breit aufgestellten Pflege- und Erziehungsangebots war dem Vorstand deutlich geworden, dass der Wittekindshof professionell beworben werden musste, um die Bekanntheit zu steigern und Spenderinnen und Spender an sich zu binden. Im Jahres­bericht 1925 begründete Vorsteher Pastor Theodor Brünger (1874–1951) dies folgendermaßen: „Das Licht von Bethel strahlt so hell, dass wir unsere Kerze ein wenig höher hinauf stellen müssen, um nicht ganz und gar übersehen zu werden.“

Propagandadienst

So erschien 1925 erstmalig die mehrseitige Werbebroschüre „Lichtlein, die auch leuchten wollen – Nachrichten vom Wittekindshof. Ein Blatt für seine Freunde und für alle, die es noch nicht sind.“ Redigiert und verfasst wurde sie fast vollständig von Georg Engelmann (1874–1943), der 1908 als Leiter der Knabenschule angestellt worden war. 1925 schied er aus dem Schuldienst aus, um sich dem „Propagandadienst“ des Wittekindshofes zu widmen. Neben der Schriftleitung für die neue Broschüre führte er auch regelmäßig Besuchergruppen über das Gelände. Er war damit der erste hauptamtliche „Öffentlichkeitsarbeiter“ des Wittekindshofes.
Mit den „Lichtlein“ waren die Menschen mit Behinderung gemeint, aus deren Sicht Engelmann in der Regel schrieb. Er wandte sich an ein breites Publikum, beschrieb den Alltag in der Einrichtung oder besondere Feste, wie Einweihungen, die Konfirmation oder Weihnachten. Dabei wurde am Ende des Artikels um Spenden gebeten:

„Nun will ich nicht nur zu den Erwachsenen reden, höret mich auch, ihr Jungen und Mädchen! … Es gibt nichts Köstlicheres als die Weihnachtszeit! … Nun denke einmal an den brennenden Christbaum, und da möchte ich, daß du dabei dich erinnerst, dass wir in diesen Heften von Lichtlein reden, die auch leuchten wollen. … Möchtest du nicht mit einer, wenn auch ganz kleinen, Liebesgabe eines Kindes gedenken, das weder Vater noch Mutter hat? Laß dir von einigen erzählen, … Da ist z.B. Lichtlein Nr. 1. F.G. Von Geburt an hat er steife Arme und verkrüppelte Hände; nun müssen die Füße alle Arbeiten der Hände übernehmen. Er ißt mit den Füßen, nimmt mit ihnen ein Streichholz aus der Schachtel und zündet es an, ja, nimmt damit sogar Nadeln von der Erde auf.
Da ist Lichtlein Nr.2. F.H. Ein einziges Mal bekam sie ein Päckchen mit Puppe und Nähzeug; darüber war sie außer sich vor Freude. Sie verfiel in hohes Fieber, aber mitten in der Nacht stand sie auf, holte sich ihren Nähkasten und wickelte im Eifer und in der Freude ihres Herzens den ganzen Zwirn von der Rolle ab! …
Ach, das sind ja nur einige aus der großen Zahl, für viele möchten wir noch bitten. … Auch bei uns hat die Weihnachtsfreude ihre Stätte. Ein bis zwei Tage vor dem heiligen Abend wird bei uns in der Kirche eine Christfeier abgehalten, dann geht es im Sturmschritt in die Häuser, wo in jedem Raume ein Tannenbaum im Kerzenglanz strahlt. Dann steht jedes Kind in freudiger Erregung vor seinen Gaben; am glücklichsten aber sind doch die, denen eine liebe Hand ein Päckchen aus der Ferne auf den Tisch gelegt hat.
Wen es also treibt, Freude zu machen, der suche sich ein ,Lichtlein‘ aus und schreibe z.B.: ,Für Lichtlein Nr. 1 F.G.‘
Einzahlungen werden erbeten auf Zahlkarte Konto Nr. 4652 Postscheckamt Hannover unter der Bezeichnung: ,Für Lichtlein‘. Jeder Gabenspender erhält die folgenden Hefte an seine eigene Adresse zugeschickt.“

Unterschied zwischen Dorf und Stadt

Aber auch Scherzhaftes von den Bewohnerinnen und Bewohnern wurde berichtet:
„In der Schule wurde einmal über den Unterschied zwischen Dorf und Stadt gesprochen. Vom Dorfe hieß es, daß sich dort die Leute Vieh hielten, das wäre in der Stadt nicht so. Da sagte ,Lichtlein H.K.‘: ,Aber Oeynhausen hat doch auch ein Kuhhaus!‘ – Er hatte von dem Kurhaus gehört!“
„In der Schule war von dem Opfer Kains und Abels gesprochen worden. Nun mußte ein kranker Junge inhalieren. Da beobachtete eben das ,Lichtlein H.K.‘, das in demselben Zimmer im Bette lag, wie der Dampf in die Höhe stieg; und ernsthaft faltete H.K. seine Hände und betete: ,Herr, laß dir den Rauch wohl gefallen!‘“
„Es war noch in der Zeit des alten Hartgeldes. Da wurde gefragt: ,Wie macht man großes Geld klein?‘ Ein kleiner Junge gab zur Antwort: ‚Man schlägt es kaputt!‘“
Da die Broschüre ihren Zweck, neue Spenderinnen und Spender zu gewinnen, nicht erfüllte, wurde sie 1929 nach der 13. Ausgabe eingestellt. Neben der langfristigen Erkrankung Georg Engelmanns, der ein Herz- und Nervenleiden hatte und nicht mehr in den Dienst des Wittekindhofs zurückkehrte, dürfte aber auch die Weltwirtschaftskrise und deren Folgen den Ausschlag zur Einstellung gegeben haben. Erst in den 1950er Jahren gab es dann wieder eine regelmäßig erscheinende Broschüre mit Informationen über den Wittekindshof.

Michael Spehr

Impressum "Durchblick"

Herausgeber: Diakonische Stiftung Wittekindshof
Für den Inhalt verantwortlich: Pfarrer Prof. Dr. Dierk Starnitzke, Theologischer Vorstand
Redaktion: Ann-Christin Lüke, Jaqueline Patzer

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