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Zur Ruhe kommen ist ganz schwer

Ein Pferd und ein Bett verbindet eigentlich nicht viel. Für Lovis eröffnet ein Pferd ebenso wie sein Therapie-Bett ganz neue Welten. Sie lassen ihn zur Ruhe kommen. Das fällt dem 14-Jährigen sehr schwer und gelingt ansonsten fast nur mit enger menschlicher Begleitung. Lovis ist kontaktfreudig, lächelt eigentlich immer, sieht sofort, wenn jemandem etwas herunterfällt, ist hilfsbereit, fast immer zu einem Scherz aufgelegt und kann sich auch ohne Worte verständlich machen.

Nachts zwei Stunden geschlafen

Schon als kleines Kind war er immer in Bewegung. Seine Mutter hatte ihn in einem Tragegurt, um überhaupt noch etwas im Haushalt zu schaffen. Laufen hat Lovis spät gelernt, aber dann schnell hüpfen als seine Lieblingsbewegung entdeckt. Seitdem hüpft er, es sei denn, er ist durch Laufen, Spaziergehen oder Kettcar Fahren sowieso schon in Bewegung. Seine Kondition ist perfekt. Ausdauertraining muss er nicht machen. Sein Problem ist, dass er kaum zur Ruhe kommt. Als Kleinkind hat er nachts zwei Stunden geschlafen und seinen Eltern auch nicht mehr gegönnt. „Das war zu viel für uns. Ich bin LKW-Fahrer. Der 38-Tonner ist ein echtes Geschoss, wenn ich zu wenig Schlaf bekomme“, erklärt sein Vater Uwe Birkemeyer.

Ein langer Weg zur Diagnose

Seiner Frau Nina Birkemeyer war schon früh aufgefallen, dass sich Lovis ganz anders als ihr erstgeborener Sohn entwickelt. Direkt nach der Geburt hatte sie die Ärzte nach der auffällig hellen Hautfarbe und den strohweißen Haaren gefragt, die weder sie noch ihr Mann haben. Die Ärzte haben ihre Bedenken zerstreuen wollen. Es folgten viele Arztbesuche, aber eine Spur hat Nina Birkemeyer erst im Internet gefunden: das Angelmann-Syndrom. Eine seltene Behinderung, die auf Veränderungen des 15. Chromosomen beruht und mit Albinismus verbunden sein kann. Diese Pigmentstörung war bei Lovis damals schon diagnostiziert und hatte auch einen Hinweis darauf gegeben, dass seine Sehfähigkeit eingeschränkt ist. Bis ein humangenetisches Labor das Angelmann-Syndrom nachgewiesen hatte, vergingen weitere Monate. Dann hatten die engagierten Eltern den Grund für die Besonderheiten ihres Kindes, aber immer noch keine Lösung für seinen immens großen Bewegungsdrang.

Tränen am Anfang

„Der Kinderarzt hat unserer Ehe noch ein halbes Jahr gegeben. So stark war die Belastung“, erinnert ich Uwe Birkemeyer. Auch wenn sich die Eltern nicht von Lovis trennen wollten, haben sie sich nach Einrichtungen erkundigt, die auch schon kleine Kinder aufnehmen. Hamburg und Hildesheim waren für die Eltern aus Melle keine Option. Erst als Lovis Physiotherapeutin den Wittekindshof empfohlen hat, haben sie Kontakt aufgenommen und Lovis konnte schon bald in die damalige Kinderheimat umziehen.

„Die ersten Wochen waren hart. Wir haben im Auto geweint und Lovis stand am Fenster und war traurig, wenn wir ihm nach dem Wochenende zurück nach Bad Oeynhausen gebracht haben“, berichtet Uwe Birkemeyer. Heute ist das ganz anders. Wenn seine Eltern kommen, hüpft Lovis vor Freude noch mehr als sonst, nimmt seinen kleinen Koffer und will am liebsten sofort los. Zuhause kocht seine Mutter sein Lieblingsessen und sie unternehmen viel zusammen, wenn irgendwie möglich an der frischen Luft. „Wir können die Zeit mit Lovis wieder genießen“, freut sich Nina Birkemeyer.

Gerne Zuhause und gerne zurück im Kinder- und Jugendbereich

Wenn sie ihn jetzt zurück in den Wittekindshof bringen, hat er oft keine Zeit, um sich von seinen Eltern zu verabschieden. Er rennt zu seinen Kumpels, begrüßt sie freudestrahlend und dreht am liebsten sofort ein paar Runde mit dem Kettcar auf dem Hartplatz im Garten. In den sieben Jahren, die er mittlerweile im Wittekindshofer Kinder- und Jugendbereich lebt, hat sich das Kleinkind zu einem großen Schuljungen entwickelt, der sich alleine ausziehen kann und beim Anziehen immer weniger Hilfe braucht. Er ist vielseitig interessiert, aber ist auf enge Begleitung angewiesen, um sich zu konzentrieren oder zur Ruhe zu kommen. In der Schule hat er deswegen einen Integrationshelfer. Nur beim Therapeutischen Reiten kommt er ohne einen Menschen an seiner Seite zur Ruhe. Das Warten, bis er an der Reihe ist, fällt ihm schwer, aber wenn er auf dem Pferd sitzt, wird auch Lovis ruhig und lässt sich von dem starken großen Tier tragen.

Pferd und Therapie-Bett helfen beim zur Ruhe kommen

Das Pferd verschafft Lovis Ruhe genauso wie sein Therapiebett, dass mit vielen bunten Gitterstäben ringsherum verschlossen ist. Trotzdem fühlt sich Lovis in seinem Bett wohl und kommt zur Ruhe auch ohne starke Medikamente oder Fixiergurte, die er aufgrund seiner körperlichen Unruhe und seiner Schlafstörungen ansonsten bräuchte. Im letzten Urlaub an der Nordsee in Cuxhaven hat erst erstmals auch in einem normalen Bett geschlafen. Ein riesen Fortschritt für den 14-Jährigen, über den sich Mitarbeitende genauso wie seine Eltern gefreut haben. Nach dem Urlaub sollte an den Erfolg angeknüpft werden. Lovis Bett blieb offen, aber er ist nicht wie in Cuxhaven im Bett geblieben, sondern fing an, wieder die Nacht zum Tag zu machen. Die Mitarbeitenden werden es wieder versuchen, das Bett zu öffnen, aber zurzeit zeigt Lovis noch sehr deutlich, dass er das Bett genauso wie ein Pferd braucht, um zur Ruhe zu kommen. Genau diese Ruhe eröffnet ihm dann die Chance, etwas Neues kennenzulernen und sich weiter zu entwickeln.

Weihnachtsspendenaktioon 2018

Auch wenn das Therapeutische Reiten und das Therapiebett sehr positiv auf das Wohlbefindenden und die Gesamtentwicklung von Lovis auswirken, werden sie nicht von der Krankenkasse oder anderen Kostenträgern bezahlt. Der Wittekindshof ist deswegen auf Spenden angewiesen.

Der Text über Lovis ist ein Beitrag zur Weihnachtsspendenaktion 2018.