Eine ältere Frau sitzt an einem Tisch und spricht mit einem ihr gegenübersitzenden Mann, während ein Mikrophon über ihr hängt und eine Kamera sie filmt
Eine ältere Frau sitzt an einem Tisch und schreibt, während ein junger Mann hinter ihr sie mit der Kamera filmt.
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Unterstütztes Wohnen: Forscher drehen Film in Minden

Karla Fiedler ist hochkonzentriert, während sie schreibt. Die 68-Jährige sitzt auf einem Küchenstuhl in ihrer Wohnung und verfasst einen Brief. Bis auf das Kratzen ihres Füllfederhalters auf Papier ist nichts zu hören. Doch die vermeintliche Stille täuscht, denn die Seniorin ist nicht allein: Über ihr baumelt ein Mikrophon, das von einem jungen Mann mit Kopfhörern gehalten wird, neben ihr steht ein weiterer Mann, der die Szene mit seiner Kamera filmt.

Selbstständigkeit im hohen Alter

Das Filmteam gehört zur Katholischen Hochschule NRW, die für ein großes Forschungsprojekt dreht. "Mutig" heißt das Projekt, das aufzeigen soll, wie zukunftsträchtige Wohnmodelle aussehen können, die Menschen mit Behinderung auch im hohen Alter möglichst viel Selbstständigkeit erhalten. Gefördert wird dieses Ansinnen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Forscher haben sich auf die Suche nach Menschen und Einrichtungen gemacht, die hier besonders hervorstechen. Auf die Wittekindshofer Hauswohngemeinschaft in Minden, in der auch Karla Fiedler wohnt, sind die Forscher aufmerksam geworden, weil hier vor einigen Jahren mit einem Schlag viele ältere Menschen mit Behinderung eingezogen sind, die vorher größtenteils in Wohngruppen lebten.

Bedarfsgerechte Begleitung und Unterstützung

Anders als früher bewohnen sie in am Auerhahnweg jetzt ihre eigenen vier Wände in Form von Einzel- oder Doppelappartements. Die Senioren leben weitestgehend selbstständig und erhalten je nach Bedarf individuelle Unterstützung durch den Wittekindshof. Die flexible Wohnform ermöglicht es den Männern und Frauen hier, selbst zu entscheiden, wie ihr Alltag aussieht und wieviel Unabhängigkeit sie benötigen. Karla Fiedler etwa hat beschlossen, auch im Alter aktiv zu bleiben und Kontakte zu pflegen: Briefe und Karten schreibt sie täglich und aus Leidenschaft, sie singt mit anderen Senioren, beteiligt sich an Theaterprojekten, geht Sonntags in die Kirche und nutzt unter der Woche die Freizeit-Angebote der Tagesstrukturierenden Maßnahmen (TSA), die Menschen auch nach dem Beruf fördern und ihnen helfen, persönliche Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Vorteile der Hauswohngemeinschaft

Dem Filmteam des Mutig-Projekts hat die Seniorin gezeigt, wie ihre Hauswohngemeinschaft funktioniert und was ihr daran so gut gefällt. Sie isst, was sie mag, weil sie mit Unterstützung der Mitarbeitenden selbst einkaufen gehen kann. Wenn sie Gemeinschaft sucht, trifft sie Freunde innerhalb des Hauses oder Bekannte im nahegelegenen Wittekindshofer Kontakt- und Informationszentrum. Und wenn sie Lust dazu hat, schaut sie abends lange Fernsehen und schläft morgens einfach aus – denn auch das gehört für sie zur Selbstständigkeit dazu. "Ich fahre jetzt auch allein Bus", betont Fiedler im Interview, und erklärt, dass sie sich mithilfe einer Mitarbeiterin des Wittekindshofes den Busfahrplan abgeschrieben hat und genau weiß, wann sie da sein muss.

Einen ganzen Tag lang nahm das Filmteam des Mutig-Projekts am Leben der Seniorin in der Mindener Hauswohngemeinschaft teil. Als der Dreh schließlich endete, war nicht nur das Filmteam etwas wehmütig. "Das hat richtig Spaß gemacht, kommt doch nochmal wieder", forderte Karla Fiedler Projekt-Mitarbeiter Michael Katzer auf, der den Dreh initiiert hatte. Der versprach es, übergab der Seniorin ein Geschenk als Dank für den Tag und verabschiedete sich mit seinem Team aus dem Auerhahnweg.