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Studierende besuchen Gedenkstätte Hadamar

Angehende Heilerziehungspfleger und -pflegerinnen des Berufskollegs Wittekindshof haben kürzlich die Gedenkstätte Hadamar besucht. Der Ausflug gehört zu einem im Lehrplan verankerten Projekt, das seit einigen Jahren durchgeführt wird. Die Schüler und Schülerinnen lernen, wie sich Menschen über die Geschichte hinweg in Bedrohungsszenarien verhalten haben, sich Menschenbilder verändert haben und wie es ist, Willkür zu erfahren.

Auch Menschen vom Wittekindshof sind in Hadamar ermordet worden

In der ehemaligen Landesheilanstalt Hadamar wurden zwischen 1941 und 1945 etwa 15.000 psychisch Kranke und geistig behinderte Menschen ermordet. Die angehenden Heilerziehungspfleger und -pflegerinnen besichtigten die Dauerausstellung, die sich mit den NS-"Euthanasie"-Verbrechen in der Landesheilanstalt beschäftigt, die ehemalige T4-Busgarage, die Kellerräume mit der ehemaligen Gaskammer und den Friedhof der Gedenkstätte. Eine Frau, die im Wittekindshof lebte und 1941 im Zuge der großen Verlegung in die Provinzialanstalt Lengerich kam, wurde 1943 in der damaligen Tötungsanstalt Hadamar ermordet. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde auch ein Mann, der elf Jahre lang im Wittekindshof lebte, dort getötet.

Geschichtliche und theologische Einordnung

Dr. Frank Winter, Lehrer am Berufskolleg, hat die Unterrichtsreihe mit konzipiert und die jungen Frauen und Männer begleitet. "Der Besuch wird intensiv im Unterricht vorbereitet.  Geschichtlich beschäftigen wir uns damit, wie Menschen sich im Lauf der Zeit in Bedrohungsszenarien verhalten haben. Wir wollen vermitteln, dass der Mensch einen Wert unabhängig vom ökonomischen hat. Dies wird auch aus theologischer Sicht behandelt", erklärt Winter. Auf eine Führung mit anschließenden Unterrichtseinheiten folgt am nächsten Tag ein Planspiel.

Rollenwechsel und Stigmatisierung

Lehrer werden zu Ärzten, die jeweils zwei Schüler als Assistenten wählen – ganz willkürlich. "Es ist egal, wer geeignet ist oder nicht. Wir nehmen irgendjemanden", so Winter. Das Szenario im Planspiel: Die Schüler und Schülerinnen werden zu Beschäftigten und ihre Arbeitgeber schicken sie zu einem amtsärztlichen Gutachten. "Es gibt zwei Durchläufe. Zunächst werden Einzelgespräche geführt und ein Intelligenzprüfungsbogen aus dem Dritten Reich ausgefüllt. Es folgen intime Fragen zu politischen und sexuellen Präferenzen. Damit werden die Schüler in ihrer Rolle als Arbeiter stigmatisiert und wir verteilen Label. So, wie es beim NS-Regime passiert ist", führt der Pädagoge aus. In der zweiten Runde wird die Leistungsfähigkeit getestet und die "Arbeiter" als tauglich, zum Teil tauglich und untauglich eingestuft.

Planspiel verstört und macht wütend

In einer anschließenden Auswertungsrunde werden Emotionen besprochen. "Viele Schüler und Schülerinnen nehmen uns Lehrkräften das Ganze übel und sind sauer auf uns. Sie fühlen sich genötigt, sind verstört, aggressiv und mürbe. Die Erfahrung, stigmatisiert, in eine Schublade gepackt zu werden und dort nicht mehr rauszukommen, ist eine heftige für die Schüler. So wie der ganze Aufenthalt in der Gedenkstätte es für viele ist", sagt Winter.

Auch im kommenden Jahr werden Studierende des Berufskollegs wieder nach Hadamar reisen. Dann soll erstmals an einem von der Gedenkstätte organisiertem Seminar teilgenommen werden.