Ein kleiner Junge spielt mit seiner Spielzeugwaschmaschine auf seinem Bett
Ein Mann und ein Junge basteln zusammen und schneiden einen Stern aus.
Ein Junge steht am Fenster, auf dem Regentropfen zu sehen sind.
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Jonas ist vor Freude krank geworden

"Morgen schwimmen? Zwei Schwimmnudeln?", fragt Jonas seine Lehrerin Ann-Catrin Wehmer, die ihn beruhigt und sagt: "Ja, wir gehen Morgen schwimmen. Du bekommst zwei Schwimmnudeln." Der Zehnjährige rennt zufrieden weg und kommt kurz Zeit später wieder zu seiner Lehrerin: "Morgen schwimmen?" "Ja, Jonas, Du kannst Morgen schwimmen gehen."

Jonas hat spät angefangen zu sprechen

Manche Fragen stellt Jonas immer wieder. Vor allem, wenn ihm etwas wichtig ist. Das kann für die Erwachsenen anstrengend werden, aber eigentlich freuen sich alle, dass Jonas spricht. Man kann ihn gut verstehen, er hat entdeckt, wie wertvoll Sprache ist, um eigene Ziele zu verfolgen. Viele andere Menschen mit der Diagnose Frühkindlicher Autismus sprechen gar nicht mit Worten oder haben eigene Wortschöpfungen, die für andere kaum verständlich sind.

Jonas hat angefangen zu sprechen, als er in der Grundschule viele andere sprechende Kinder erlebt hat und gleichzeitig gezielt durch Unterstützte Kommunikation gefördert wurde. Er besucht eine der beiden Kooperationsklassen der Wittekindshofer Förderschule, die in der Grundschule Volmerdingsen unterrichtet werden. Auf dem Schulhof begegnen sich Kinder mit und ohne Behinderung in jeder Pause. Die Kooperationsklassen arbeiten in Kunst, Musik, Sport und teilweise im Sachkundeunterricht sowie bei Projekten und Klassenfahrten mit ihren Partnerklassen aus der Grundschule zusammen. "Zunächst hat Jonas viel nachgesprochen und Fragen wiederholt, die wir ihm gestellt haben. Jetzt antwortet er immer öfter direkt", freut sich Ann-Catrin Wehmer.

Zu viel Eindrücke auf einmal

Jonas ist ein vielseitig interessiertes Kind, das aber fast immer auf Eins-zu-Eins Betreuung angewiesen ist, um sich ein eine Sache zu konzentrieren. Er nimmt so viel aus seiner Umwelt auf, das seine Aufmerksamkeit ablenkt, dass er ohne Unterstützung kaum Chancen hat, wirklich etwas Neues zu entdecken. Auch das ist typisch für Autismus-Spektrum-Störungen. In der Schule hat Jonas deswegen eine Integrationshelferin. In der Wohngruppe hat er festgelegte Zeiten, in denen ein Mitarbeitender beispielsweise Zeit für ihn zum Malen und Basteln oder für Wasserspiele hat, die er besonders liebt. Außerdem hilft ihm ein TEACCH-Plan, an dem er erkennen kann, was in welcher Reihenfolge zum Beispiel morgens beim Aufstehen passiert - für Waschen und Zähneputzen gibt es genauso eine Bildkarte wie für anziehen und frühstücken, die er nacheinander abarbeitet. Das strukturiert ebenso wie der Stundenplan in der Schule seinen Tagesablauf, damit er selbst erkennen kann, was jetzt zu tun ist, aber selbst sieht, dass er Morgen wirklich schwimmen geht.Beratung und Förderung durch die Autismusambulanz Eingeführt hat die Wohngruppe das TEACCH-Konzept mit Beratung der Wittekindshofer Autismusambulanz, die Jonas einmal in der Woche besucht. Oft ist unklar, ob Schwierigkeiten auf Jonas Entwicklungsverzögerung oder die Autismus-Spektrum-Störung zurückzuführen sind. Er kann beispielsweise Buchstaben und Silben perfekt lesen, aber es gelingt ihm nicht, daraus Worte zu bilden. Bisher hat er die Klippe, die andere Leseanfänger auch haben, nicht überwunden. Wahrscheinlich ist sie für ihn durch die Autismus-Spektrum-Störung viel höher. Viele Menschen mit dieser Diagnose können Details zwar sehr gut erkennen und merken sich sehr viel, aber Zusammenhänge erschließen sich oft nur sehr schwer.

Jonas kennt Hunger

Jonas ist im Alter von zwei Jahren zum ersten Mal zum Kurzzeitwohnen in den Wittekindshofer Kinder- und Jugendbereich gekommen. Nach mehreren Gastaufnahmen ist er endgültig umgezogen. Damals lebte er in einer Pflegefamilie, die mit seinem intensiven und umfassenden Unterstützungsbedarf in allen Lebensbereichen an Grenzen gekommen ist. Seine leiblichen Eltern konnten schon im Säuglingsalter nicht angemessen für ihn sorgen, weswegen das Jugendamt eingegriffen hat. Aus frühester Kindheit kennt Jonas Hunger und hat erst langsam in der Pflegefamilie und im Wittekindshof die Erfahrung gesammelt, dass er regelmäßig genug zu essen und zu trinken bekommt und er niemanden das Brötchen vom Teller stibitzen muss.

Die Vorfreude ist zu groß

Jonas hat keinen Kontakt zu seinen Eltern. Nur Katrin Metz vom Evangelischen Betreuungsverein Bad Oeynhausen, die seine Vormundschaft übernommen hat, besucht ihn regelmäßig. Sie kümmert sich um alles Formale, aber überlegt sich auch, mit welchen kleinen Geschenken sie ihm eine Freude machen und seine Entwicklung fördern kann. Jonas wird nie wie andere Kinder von seinen Eltern übers Wochenende abgeholt. Auch deswegen stehen Ausflüge und vor allem der Urlaub ganz hoch im Kurs. "Er freut sich so sehr darauf, dass sein Immunsystem verrückt spielt und er schon mehrfach krank geworden ist und dann nicht mitfahren konnte", berichtet Falco Zipling, der als Bereichsleiter für das Wohnhaus verantwortlich ist, in dem Jonas lebt. Als Konsequenz verheimlichen die Mitarbeitenden ihm deswegen Ausflüge und Urlaubsfahrten möglichst lange, damit sie wirklich zusammen wegfahren können.

Spenden für Urlaub und Ausflüge

Von diesen Fahrten spricht Jonas dann noch sehr lange. Er lernt dabei viel Neues kennen, wie Schnee und Schlittenfahren bei einer Klassenfahrt in den Harz oder Strand, Meer und Fahrradfahren in Cuxhaven. Möglich sind diese Fahrten nur, durch Spenden und Förderer, denn es gibt viele Kinder wie Jonas im Wittekindshof, die keine Eltern, Großeltern, Paten oder Verwandte haben, die ihnen einen Zuschuss für den Urlaub schenken.

Der Text über Jonas erscheint im Zusammenhang mit der Weihnachtsspendenaktion 2018.