Interview: "Behindert – So what!“

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Haben Menschen mit Behinderung überhaupt Humor? Na klar, das weiß jeder, der sich die Videos des inklusiven Social Media Teams der Evangelischen Stiftung Hephata aus Mönchengladbach ansieht.

„Behindert – So what!“ heißt der Youtube-​Kanal auf dem die Menschen mit Behinderung eigene Videos hochladen. Die acht Mitglieder beweisen nicht nur Humor, sondern stellen sich auch gesellschaftlichen Problemen und Barrieren. Im Gespräch erzählen sie von ihrer Arbeit.„Behindert – So what!“ heißt der Youtube-​Kanal auf dem die Menschen mit Behinderung eigene Videos hochladen. Die acht Mitglieder beweisen nicht nur Humor, sondern stellen sich auch gesellschaftlichen Problemen und Barrieren. Dafür sind sie im Dezember mit dem zweiten Hauptpreis des Inklusionspreises NRW ausgezeichnet worden. Im Gespräch erzählen sie von ihrer Arbeit.

"Im Internet haben wir eigentlich nur positives Feedback bekommen"

„Böse Witze – darüber lacht das Social-Media-Team“ heißt eine Ihrer Videoreihen. Darin erzählen Sie Witze über Menschen mit Behinderung. Wer darf aus Ihrer Sicht Behindertenwitze machen?

Okan Türkyilmaz: Wenn ein Mensch mit Behinderung darüber Witze macht, finde ich das gut. Bei anderen kommt das meiner Meinung nach auf den Kontext an. Wenn eine Person, die mit einem Menschen mit Behinderung befreundet ist, einen Witz macht, ist das auch okay. Aber bei einem Fremden kann das schnell verletzend sein. Und nicht jeder mag das Gleiche. Einige finden die Witze ­lustig, einige gar nicht.

Stephan Krings: Ich finde, es sollten nur Menschen mit Behinderung selber über sich Witze machen. Wenn das andere machen, muss das schon sehr gut beobachtet und reflektiert sein, wie bei Kabarettisten und nicht so wie bei Comedy. Wichtig ist, dass keine Vorurteile und Klischees über Menschen mit Behinderung bedient werden und man sich über sie lustig macht.

Haben Sie einen Lieblingsbehindertenwitz?

Marina Sehlmann: Oh, da gibt es viele!

Okan Türkyilmaz: Zum Beispiel: „Was haben RTL und Fukushima gemeinsam? Sie strahlen so lange aus, bis alle behindert sind.“ Den finde ich richtig gut.

Stephan Krings: Ich hätte einen zum Thema psychische Erkrankungen: „Ich bin nicht ver­rückt, das hätten die Stimmen mir doch gesagt!“

Zora Kiesow: Das ist mein Lieblingswitz: „Im Altersheim wird durchgezählt: Die blonde Pflegerin: ‚Alle mit einem Rollstuhl bitte kurz aufstehen.‘“

Wie stoßen Sie auf die Witze? Und wie sind die Reaktionen bei Leuten, die Ihre Videos schauen?

Leo Drinceanu: Die Witze kann man alle im Internet finden. Für unsere Videos suchen wir dann immer danach.

Okan Türkyilmaz: Im Internet haben wir eigentlich nur positives Feedback bekommen. Wenn nicht wir über unsere Behinderung Witze machen, wer dann? Wobei ein Bekannter das anders gesehen hat, als ich ihm davon erzählt habe. Der meinte, darüber dürfe man keine Witze machen. Es gibt immer unterschiedliche Meinungen.

"Viele Bahnhöfe haben keine Aufzüge für Rollstuhlfahrer"

Welchen Barrieren begegnen Sie in Ihrem Leben? Woran muss gearbeitet werden?

Leo Drinceanu: Gerade in älteren Städten gibt es viele Wege mit Pflastersteinen. Das ist für Rollstuhlfahrer schwierig. In Monschau zum Beispiel kommt man mit einem Rollstuhl kaum durch die Stadt.

Philipp Fuchs: Viele Bahnhöfe haben keine Aufzüge für Rollstuhlfahrer. Wenn wir aussteigen und es gibt keinen Aufzug, wie sollen wir dann von den Bahnsteigen wegkommen? Dann braucht man immer Hilfe.

Eine Situation, die Sie am Hauptbahnhof in Rheydt, einem Stadtteil von Mönchengladbach, gefilmt haben. Darin zeigen Sie, wie schwierig es für Rollstuhlfahrer ist, selbstständig zum Bahnsteig zu gelangen. In dem Fall nämlich gar nicht, weil es keine Aufzüge gab, einen verschlossenen Nachtzugang und eine marode Rampe. Hat sich durch Ihr Video etwas geändert?

Leo Drinceanu: Darauf gab es sehr viele gute Kommentare, aber bisher hat sich nichts verändert. Außer dass die Rampe mittlerweile abgebaut wurde und ein Betreten-verboten-Schild aufgestellt wurde.

Die Arbeit bringt es mit sich: Sie sind viel im Internet unterwegs. Sehen Sie im Netz viele andere Menschen mit Einschränkungen? Findet das Thema Behinderung im Internet überhaupt statt?

Marina Sehlmann: Ich finde es schade, dass Menschen mit Behinderung augenscheinlich bei TikTok keine Reichweiten bekommen. Wir haben auch Talente und wollen diese zeigen. Warum entzieht die Plattform diesen Leuten also ihre Reichweiten?
Okan Türkyilmaz: Es kommt auf die Internetseiten an: Das Thema Behinderung findet auf Youtube dagegen viel mehr statt. Der Kanal von Leeroy läuft sehr gut. Das ist ein Typ, der im Rollstuhl sitzt und unterschiedliche Menschen trifft und interviewt. Der Content gefällt mir und Leeroy wird auch von der Aktion Mensch unterstützt. (Anm. d. R. : Leeroy Matata sitzt seit seinem vierten Lebensjahr im Rollstuhl und ist ein deutscher Youtuber, der seit 2013 Videos im Internet veröffentlicht.)
Auch gut gefällt mir Raul Kraut­hausen, der auch ein Buch geschrieben hat und auch außerhalb von Youtube aktiv ist. (Anm. d. R. : Raul Krauthausen ist ein deutscher Menschenrechts- und Inklusionsaktivist, der die Glasknochenkrankheit hat und 2019 zu Gast beim Wittekindshofer Aschermittwochsempfang war.)

Wo stoßen Sie im Netz auf Barrieren? Was sollten Menschen ohne Behinderung mehr beachten?

Stephan Krings: Für Menschen mit geistiger Behinderung wären mehr Internetseiten in Leichter Sprache gut. Oder Audiodateien, die die Texte vorlesen. Das gibt es meiner Meinung nach bisher noch zu wenig im Internet.

"Drehbücher schreiben wir immer zu zweit"

Wie war es, das erste Mal vor der Kamera zu stehen? 

Okan Türkyilmaz: Mein erstes Video war mit Jochen Klenner (Anm. d. R. : CDU-Landtags­abgeordneter in NRW). Da war ich schon sehr aufgeregt. Ich hatte mit Politik nicht so viel am Hut, aber wollte immer schon mal was mit Journalismus machen und habe viele Interviews geguckt. Die Nervosität ist in drei, vier Minuten weggegangen, weil ich schon ungefähr wusste, was ich machen muss. Einfach locker bleiben und die Fragen stellen. Ich hab mich mit Jochen Klenner auch außerhalb des Drehs unterhalten und dann ging das eigentlich. Danach das Video zu sehen, war ein sehr komisches Gefühl. Aber es hat Spaß gemacht.

Leo Drinceanu: Ich war total aufgeregt, das erste Mal vor der Kamera zu stehen.

Philipp Fuchs: Es war sehr spannend. Man weiß am Anfang nicht, wie es läuft. Jetzt bin ich nur noch kurz aufgeregt, und das ist dann ganz schnell weg.

Wie läuft das Drehbuchschreiben?

Okan Türkyilmaz: Die Drehbücher schreiben wir immer zu zweit, und dann schauen wir nochmal mit anderen, was man beachten muss. Denn man muss auch die Kameraeinstellung beachten, ob man auf eine Totale oder eine Halbnahe gehen muss. Wenn du drinnen drehst, wie die Lichtverhältnisse sind, wie der Ton ist.

Und was ist Ihr Lieblingsvideo?

Rainald Stassen: Das ADHS-Video (Anm. d. R. : Der Titel des Videos lautet „Chaos im Kopf – Menschen mit ADHS erklären ADHS“).

Marina Sehlmann: Die „Was uns wirklich stört“-Videos, in denen wir über unsere Ziele sprechen und das, was uns stört. So kriegen die Leute das auch mit.

Okan Türkyilmaz: Mein Lieblingsvideo ist „Alles auf Abstand“ – unsere Studiotour. Ich hatte am Anfang leichte Bedenken, ob manche Szenen aus dem Drehbuch auch witzig rüberkommen. Aber das habe ich mir mit meiner Mama angesehen und wir lachen jedes Mal darüber. Es ist auch sehr informativ.

Mit wem würden Sie gerne noch Videos drehen?

Okan Türkyilmaz: Ich würde gerne mit Angie Berbuer ein Video machen. Sie hatte einen schweren Autounfall, bei dem sie beide Beine verloren hat. In Youtube-Videos hat sie erzählt, wie es ihr danach ging. Sie ist auf Instagram auch sehr aktiv und wirkt sehr sympathisch und sie würde zu unserem Kanal passen. Mit Simon Unge und anderen Youtubern würde ich auch gerne Videos machen. (Anm. d. R. : Simon Unge ist einer der erfolgreichsten Deutschen Youtuber, der seit 2011 Videos dreht und hochlädt.)

Marina Sehlmann: Auch wenn wir mit dem schon ein Video gemacht haben, finde ich den Youtuber Simon Will gut. Als wir den interviewt haben, war ich noch nicht dabei.

Zora Kiesow: Das Interview mit Sängerin Beatrice Egli war auch cool!

"Egal ob behindert oder nicht"

Welche Themen würden Sie sich gerne noch vornehmen?

Stephan Krings: Wir planen Videos über psychische Erkrankungen. Ich arbeite gerade an einem Video über Depressionen. Es geht darum, dass Leute vor die Kamera treten und über ihre Erkrankung reden. Später wollen wir vielleicht auch noch etwas über spät­erworbene Hirnschädigungen machen.

Rainald Stassen: Ich arbeite gerade am Video zum Thema Sexualbegleitung bei Menschen mit Behinderung.

Man merkt, da gibt es noch einige Themen und Ideen bei Ihnen. Was wünschen Sie sich, wenn Menschen über Ihre Videos sprechen?

Stephan Krings: Dass es einfach nur gut und interessant ist, egal ob behindert oder nicht.

 

Bei diesem Interview handelt es sich um einen Beitrag aus der aktuellen Ausgabe des Magazins "Durchblick".