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Vorgeschichte: Öffentliche Badeeinrichtung in Nettelstedt
Das Meyer-Spelbrink-Haus ist das ehemalige Nettelstedter Kinderheim. Es wurde auf Initiative von Karl Meyer-Spelbrink (1899-1962) gebaut, der von 1919 bis 1951 Rektor der Nettelstedter Schule war und Gründer der Freilichtbühne Nettelstedt ist. Nachdem bei einer Tuberkulosereihenuntersuchung eine „erschreckend hohe Erkrankungsrate" bei den Nettelstedter Schulkindern aufgrund der Tabak-Heimindustrie und schlechter hygienischer Bedingungen diagnostiziert worden waren, hat der Schulleiter 1921 die Hofstätte Nr. 52 am Hang des Wiehengebirges erworben, um zunächst eine Volksheilstätte mit sieben Badezellen zu errichten. Der Grundstücksankauf und die Volksheilstätte wurden durch Eintrittsgelder und Spenden von Erntefesten und Spielabenden sowie verschiedenen Sammlungen und mit Unterstützung des Kreisausschusses Lübbecke finanziert. Außerdem engagierte sich die Bevölkerung unentgeltlich an den Bauarbeiten für die öffentliche Badeeinrichtung. Zur Erinnerung daran, dass die Nettelstedter Schulkinder in einer Gemeinschaftsaktion Ziegelsteine vom Bahnhof zum Bau transportiert hatten, wird seit 15. Mai 1935 jährlich das Backsteinstutenfest gefeiert, bei dem Stuten in Backsteinform an die Kinder verschenkt werden.
Der Bau des Kinderheims und Unterstützung durch die Dorfbevölkerung
Um tuberkulosekranken Kindern aus dem gesamten Kreis Lübbecke helfen zu können, regte Karl Meyer-Spelbrink den Bau eines Erholungsheimes auf dem Gelände der Hofstätte an und konnte dafür weitere Förderer und die Dorfbevölkerung zur aktiven Mithilfe beim Bau gewinnen. 1924 konnte der Rohbau, 1925 der provisorische Innenausbau abgeschlossen und 1925 die Eröffnung gefeiert werden. 1927 folgte die Fertigstellung des Saals an der Südfront mit großer Liegeterasse (heutiger Balkon). Die Trägerschaft übernahm der Kreis Lübbecke als "Stiftung Kinderheim Nettelstedt". Über Jahre hinweg waren die Einnahmen der Nettelstedter Freilichtbühne am Hünenbrink, die von der Dorfbevölkerung getragen wurde, eine wichtige Finanzierungsgrundlage des Kinderheims. Während der Weltwirtschaftskrise wurde das Kinderheim auch für Kinder von Arbeitslosen aus dem Ruhrgebiet geöffnet. Auch weiterhin konnte die Dorfbevölkerung die Badeeinrichtungen aber auch Räumlichkeiten des Kinderheims für Versammlungen oder Proben, Kostümarbeiten der Spielgemeinde oder für Laienspiellehrgänge nutzen.
Die bis heute reichende hohe Identifikation der Nettelstedter Bevölkerung mit dem Meyer-Spelbrink-Haus ist zurückzuführen auf ihr Engagement beim Bau und später durch Finanzierung aus den Erträgen der benachbarten Freilichtbühne, bei der viele Menschen aus dem Dorf mitwirken.
Unterbrechung der Kinderheimarbeit
Die Gleichschaltungspolitik der Nationalsozialisten führte trotz neu eingeführter Kuren für Mütter und Kinder aus dem Sudetenland zu einer immer schlechteren Auslastung. Außerdem konnte die Freilichtbühne keine Überschüsse zur Unterstützung des Kinderheims mehr erwirtschaften, was 1938 zur Auflösung der Stiftung führte. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt übernahm zum 1. Januar 1939 das Heim. Nach Kriegsende fiel es als Vermögen der NSDAP an die Treuhandverwaltung der britischen Militärregierung. Im Haus lebten Flüchtlinge aus dem Osten und Evakuierte aus Lübbecke. Ab Januar 1947 wurde es wieder als Heim für kranke Kinder genutzt. Die Freilichtbühne konnte 1949 wieder ihren Spielbetrieb aufnehmen und das Kinderheim finanziell unterstützen. Die Wiedereinsetzung der gemeinnützigen Stiftung „Kinderheim Nettelstedt" erfolgte 1953 und im Folgejahr die Rückerstattung des Vermögens durch die britische Treuhandverwaltung.
Die Schließung des Kinderheims
Ab Mitte der 50er Jahr sank die Anzahl der tuberkulosekranken Kinder, so dass milieugeschädigte Kinder im Nettelstedter Kinderheim aufgenommen wurden. Eine gewisse Distanzierung zu den neuen Heimbewohnern wurde bim Streit um die Beschulung der Heimkinder deutlich, da viele Stimmen forderten, sie nicht in der Dorfschule, sondern im Kinderheim zu unterrichten. Letztlich konnten sich die Befürworter der gemeinsamen Beschulung durchsetzen. Auch die Bevölkerung engagierte sich weiterhin ehrenamtlich für das Kinderheim. Ab 1960 verschlechtere sich die Auslastung, weil neue pädagogische Modelle Familienbetreuung und kleine Wohngruppen bevorzugten, die im Nettelstedter Kinderheim nur mit einem unverhältnismäßig hohem Aufwand hätten hergestellt werden können. Das Kinderheim musste deswegen zum 30. Juni 1980 geschlossen werden.
Vom Bildungs- und Erholungsheim zum Wohnhaus für Menschen mit Behinderungen
Das Vermögen der Stiftung wurde dem Paritätischem Wohlfahrtsverband (DPWV) am 18. Oktober 1983 übertragen. Der DPWV baute das fortan Meyer-Spelbrink-Haus genannte Gebäude um, um es als „Bildungs- und Erholungsheim" zu nutzen, was sich jedoch nicht bewährte und in der Bevölkerung kritisch beobachtet wurde. Auf positive Resonanz stieß deswegen im Oktober 1993 der Kauf des Meyer-Spelbrink-Hauses durch den Wittekindshof.
Der Wittekindshof hat das Meyer-Spelbrink-Haus mit den dazugehörenden Nebengebäuden im Oktober 1993 gekauft, um Entlastung für beengte Wohnverhältnisse für Menschen mit Behinderungen vor allem im Wittekindshof Benkhausen in Espelkamp zu schaffen. Finanziert wurde der Kauf und die Umbaukosten in Höhe von rund einer Millionen Mark unter anderem durch Spenden und Zuwendungen vom Gewinnsparverein der Volksbanken und Spar- und Darlehnskassen in Westfalen e.V. und der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Der Wohnstandard in Nettelstedt war Anfang der Neunziger Jahre mit zwei Drittel Einzelzimmer und ansonsten Doppelzimmern vergleichsweise hoch, da für viele andere Menschen mit Behinderungen im Wittekindshof nur Mehrbettzimmer zur Verfügung standen.
Nach Umbauarbeiten konnten im Mai 1994 neun Frauen und fünf Männer aus dem Wittekindshof in Bad Oeynhausen-Volmerdingsen und rund 30 Bewohner aus dem Wittekindshof Benkhausen nach Nettelstedt umziehen. Sie lebten in je zwei Gruppen für 15 bzw. sechs Personen im Meyer-Spelbrink-Haus und für 13 bzw. 10 Personen im Haus Fernsicht.
Die Leitung der nach Ulenburg, Benkhausen und Gronau damals so genannten vierten Wittekindshofer Zweigeinrichtung übernahm der bisherige stellvertretende Leiter der Zweigeinrichtung Ulenburg, Diakon Helmut Oevermann, aus dem Nachbarort Oberlübbe, der in Nettelstedt geboren war. Ihm folgte für zehn Jahre Diakon Achim Steinmeier, bis der Wittekindshof Nettelstedt im Sommer 2008 in den Wohnbereich Gerahaus unter der Leitung von Diakon Burkhard Hielscher integriert wurde.
Erweiterung der Wohnformen in Nettelstedt
Im Jahr 2001 hat der Wittekindshof eine Wohngruppe für drei relativ selbständige Frauen und Männer in Nettelstedt eröffnet. Im Rahmen des Stationär Unterstützten Wohnens konnten sie sich so weit verselbständigen, dass sie mittlerweile in einer eigenen Wohnung in Nettelstedt leben und ambulant in den Bereichen unterstützt werden, wo sie noch nicht auf eigenen Füßen stehen können.
Literatur: Neue Nettelstedter Blätter für Dorfgeschichte, Nr. 33 -35, Oktober 1998 bis Mai 1999, hg. V. Hanna Wilde.