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Bad Oeynhausen (AM). „Zur Identitätsbildung gehört die Aufarbeitung der Vergangenheit. Wir wollen wissen, was früher im Wittekindshof und im Namen des Wittekindshofes geschehen ist, um zu verstehen, wo wir heute stehen und wohin wir uns morgen bewegen müssen", erklärte Professor Dr. Dierk Starnitzke. Der Pfarrer und Vorstandssprecher der Diakonischen Stiftung Wittekindshof berichtete, dass vor kurzem ein Projekt zur Erforschung und Aufarbeitung der Wittekindshofer Geschichte gestartet sei. Die Ergebnisse dieser Studien sollen zum 125-jährigen Jubiläum 2012 als Buch erscheinen und die Gesamtentwicklung von den Anfängen in Volmerdingsen bis zum Aufbau neuer Standorte darstellen. Dafür sind umfangreiche Vorarbeiten erforderlich, die einerseits die Erforschung der geschichtlichen Quellen und Akten und andererseits die Befragung von Zeitzeugen umfassen werden.
„Das Ergebnis ist offen. Die historischen Studien werden einiges bestätigen, was wir bereits aus Chroniken und Erzählungen wissen, aber wir werden auch ganz neue Erkenntnisse erhalten, die wir heute noch nicht einmal ahnen", erklärte der Vorstandssprecher, der eine Glorifizierung ebenso wie eine schonungslose Abrechnung mit der Vergangenheit ablehnt. „Wir dürfen nicht nach heutigen Maßstäben beurteilen, was früher geschehen ist. Die jeweilige Einordnung in das historische Umfeld ist entscheidend. Die Pädagogik und medizinischen Erkenntnisse haben sich erheblich verändert und wir wissen, dass früher Überforderungssituationen erheblich öfter aufgetreten sind, weil es bis vor wenigen Jahrzehnten auch im Wittekindshof nur wenige pädagogisch ausgebildete Mitarbeiter gab und relativ wenige Mitarbeitende relativ viele Menschen mit Behinderungen betreuen mussten", betonte der Vorstandssprecher.
Er ist froh, dass er mit dem Bielefelder Professor Hans-Walter Schmuhl und Dr. Ulrike Winkler zwei versierte Experten der neuen und neuesten Diakonie- und Sozialgeschichte für das Wittekindshofer Forschungsvorhaben gewinnen konnte, die beide wissenschaftlich hoch anerkannte Arbeiten vorgelegt haben. Dr. Ulrike Winkler hat als Dissertation eine Untersuchung zur Diakonischen Bruderschaft Paulinum in Bad Kreuznach vorgelegt. Professor Schmuhl wurde mit einer Arbeit zum Thema „Rassenhygiene, Nationalsozialismus und Euthanasie" promoviert und hat Studien zur Medizin-, Sozial- und Diakoniegeschichte unter anderem über Friedrich von Bodelschwingh und verschiedene Aspekte zur Entwicklung der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel erarbeitet. Vor kurzem haben sie gemeinsam ein Buch zur Geschichte des Perthes-Werkes veröffentlicht. Zurzeit arbeiten sie zusammen an einer Studie über die 50er und 60er Jahre in der Evangelischen Stiftung Volmarstein und über den Arbeitsbereich der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Freistatt.
„Ich gehe davon aus, dass sie uns auch aus heutiger Sicht schwierige Sachverhalte aus der Geschichte des Wittekindshofes präsentieren werden. Vergleichbare Studien über andere Einrichtungen zeigen, dass an vielen Orten vor allem in Kriegszeiten, im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit, Versorgungsengpässe, Verfolgungen und Gewaltübergriffe stattgefunden haben. Es gibt keinen Grund, dies von vornherein beim Wittekindshof auszuschließen. Der Wittekindshof war und ist auch darin ein Kind seiner Zeit. Wir wollen mit der gebotenen wissenschaftlichen Distanz und Objektivität die Verhältnisse in der damaligen Zeit analysieren und aufarbeiten. Das sind wir auch möglichen Opfern schuldig. Es geht dabei nicht um Schuldvorwürfe oder persönliche Abrechnung. Die Namen und Daten der Personen, über die im Rahmen der historischen Aufarbeitung geforscht wird, sind ohnehin aufgrund des kirchlichen Archivrechtes bis zum Ablauf von 30 Jahren nach deren Tod geschützt," betonte Vorstandssprecher Pfarrer Dr. Dierk Starnitzke.