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Prof. Hans-Walter Schmuhl (li.) und Dr. Ulrike Winkler haben zusammen mit Vorstandssprecher Pfarrer Prof. Dr. Dierk Starnitzke die Studie über Missstände in der Anstaltsgeschichte vorgestellt.
Bad Oeynhausen (AM). „Die Vorgänge, die die heute vorgelegte Studie zutage bringt, beschämen uns sehr", erklärte der Vorstandssprecher der Diakonischen Stiftung Wittekindshof Pfarrer Professor Dr. Dierk Starnitzke. Er hatte Professor Hans-Walter Schmuhl und Dr. Ulrike Winkler beauftragt, die Wittekindshofer Geschichte aufzuarbeiten.
Die Vorstudie zur Gewalt in den 1950er und 1960er Jahren wurde am Montag der Öffentlichkeit vorgestellt. „Vieles von dem, was wir vermutet und was eher mündlich und manchmal aus Scheu hinter vorgehaltener Hand kommuniziert wurde, hat sich einfach bestätigt und als wahr erwiesen", berichtet der Vorstandssprecher und wandte sich wenig später an die Betroffenen:
"Menschen mussten im Wittekindshof großes Unrecht erleiden. Deshalb bitte ich sie im Namen der Diakonischen Stiftung Wittekindshof ausdrücklich um Vergebung. Ob das Geschehene jemals vergeben werden kann, müssen die Betroffene entscheiden. Wahrscheinlich wird das ein langer Weg sein, den man gemeinsam gehen muss und an dessen Ende vielleicht, wenn es gut geht, Versöhnung stehen kann. Aufgabe des Wittekindshofes muss es jedoch sein, verantwortungsvoll mit diesen Geschehnissen und den betroffenen Menschen umzugehen. Ein erster Schritt dazu ist die hier und heute vorgelegte Studie."
Die 223 Seiten umfassende Studie haben die beiden Autoren, die als führende Diakoniehistoriker anerkannt sind, zusammenfassend bei der öffentlichen Buchpräsentation vorgestellt. Bei der Durchsicht von Personalakten haben sie Belege für neun Fälle von schwerer körperlicher oder sexualisierter Gewalt gegen Bewohner gefunden.
„Sieht man von einem Fall während des Zweiten Weltkrieges ab, wurden alle Pfleger, die Bewohner misshandelt oder missbraucht hatten, vom Dienst suspendiert und entlassen", berichteten Professor Schmuhl und Dr. Winkler mit Hinweis darauf, dass die Mehrzahl dieser Fälle mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gerichtlich verfolgt worden wäre. Die Wittekindshofer Leitung habe aber in allen Fällen auf eine Strafanzeige verzichtet. Allein schon die Tatsache, dass diese Fälle ausführlich in den Personalakten dokumentiert worden seien, spreche aus Sicht der beiden Diakoniehistoriker dafür, dass sie von den Verantwortlichen als Exzesstaten eingestuft worden seien und sicher nicht alltäglich waren.
Häufiger seien demgegenüber „maßvolle" körperliche Züchtigungen vorgekommen, die von den Hausleitungen bis zu einem bestimmten Punkt auch geduldet worden seien. Schmuhl und Winkler kommen zu dem Schluss: „Wo es keine funktionierenden internen Kontrollen gab, verfestigte sich geradezu eine Subkultur der Gewalt". Dazu gehörten Schläge mit der Hand, einem Kleiderbügel oder anderen Hilfsmittel, eine strenge, lieblose und oft entwürdigende Behandlung, Isolierungen in einem „Besinnungsstübchen" und die Gabe von Psychopharmaka zur Ruhigstellung.
Gewalt sei vor allem von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf den unteren Stufen der internen Hierarchie des Personals ausgegangen, die mit den viel zu großen Gruppen und mit den unzulänglichen räumlichen Verhältnissen nicht zurecht gekommen seien.
In zwei Kapiteln des Buches haben die beiden Diakoniehistoriker anhand von Archivmaterialien und Interviews die Heimkarriere von einer Bewohnerin und einem Bewohner rekonstruiert. Am Ende kommen sie zu dem Schluss, dass die vom damaligen Vorsteher des Wittekindshofes Pastor Johannes Klevinghaus beschriebene Vorstellung einer Anstalt als „Welt in der Welt", die den „Schwachen" einen Schutz- und Schonraum biete und den „Frischen" ein Sprungbrett für die Integration in die Gesellschaft, die Wirklichkeit nicht getroffen habe: „Aus der Perspektive der portraitierten Bewohnerin und des Bewohners stellt sich die Anstalt als ein Zwangssystem dar, das sie an der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit hinderte, ihnen Lebenschance vorenthielt, sie in Unmündigkeit verharren ließ."
Bei der Buchpräsentation betonten Prof. Schmuhl und Dr. Winkler, dass die Geschehnisse im Wittekindshof keineswegs eine große Ausnahme gewesen seien, was ihre bisherigen Forschungen bereits belegten. Vorstandssprecher Starnitzke bot Bewohnerinnen und Bewohnern, die Gewalt und Misshandlungen im Wittekindshof erlebt haben, bei der Verarbeitung der Geschehnisse Unterstützung an.
Da Menschen, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe gelebt haben, bei den bisherigen Überlegungen des Runden Tisches Heimerziehung, den der Deutsche Bundestag eingesetzt hatte, ausgeklammert worden seien, erklärte er: „Wir werden uns deshalb mit unserer Stiftung, zusammen mit anderen diakonischen Trägern und auch dem Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe dafür einsetzen, dass an den Unterstützungsmaßnahmen, die zurzeit aufgrund der Ergebnisse des Runden Tisches beschlossen werden, auch Menschen teilhaben können, die in der Behindertenhilfe, also auch im Wittekindshof gelebt haben. Solche Menschen werden wir aktiv dabei unterstützen, ihre Anliegen und Ansprüche bei den entsprechenden Beratungsstellen geltend zu machen. Denn es kann ja nicht sein, dass Menschen, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe gelebt haben, solche Unterstützung nicht beanspruchen können, wenn sie ähnliches erlebt haben wie andere Kinder in der Jugendhilfe." Der Wittekindshofer Vorstandssprecher kündigte an, dass sich die Stiftung auch finanziell an dem Unterstützungsfonds beteiligen werde.
Vorstandssprecher Pfarrer Professor Dr. Dierk Starnitzke erklärte, dass es eine wesentliche Botschaft der Studie sei, die geradezu „unerträglichen Verhältnisse der Behindertenhilfe zur damaligen Zeit" zu verdeutlichen. „Die damalige Gesellschaft hat offensichtlich sehr wenig Aufmerksamkeit und Ressourcen für die Unterstützung von Menschen besonders mit geistigen und mehrfachen Behinderungen aufgewendet. Ein wesentlicher Effekt daraus muss für uns heute sein, dass solche Exklusionssysteme, die an manchen Stellen in der Behindertenhilfe bis heute nachwirken, konsequent abgebaut werden müssen. Nicht zuletzt aufgrund der hier vorgelegten Geschichtsstudie muss es uns heute umso entschiedener darum gehen, Menschen mit Behinderungen mitten in der Gesellschaft aufzunehmen und ihnen volle Teilhabe in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens zu ermöglichen. Die Anstaltstüren, hinter denen die Taten geschehen konnten, die in dem Buch von Professor Schmuhl und Dr. Winkler beschrieben werden, müssen endgültig und unumkehrbar geöffnet werden."
Im Anschluss an die Buchvorstellung meldeten sich mehrere der rund 200 Gäste zu Wort. Ein Mann, der als Sohn von Mitarbeitenden auf dem Stiftungsgelände große geworden ist, berichtete, dass er selbst mehrfach erlebt habe, dass Bewohner Schläge bekommen haben oder als Strafe stundenlang den Fußboden bohnern mussten. Eine Bewohnerin, die ebenso im Gerahaus wie die im Buch portraitierte Frau gewohnt hat, erklärte: „Wir haben wirklich harte Zeiten erlebt, schöner ist es erst später geworden, als wir älter waren!"