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Im Wittekindshof leben Menschen, die ihre Fixierungen selbst anlegen und öffnen können. Noch brauchen sie Fixierungen, um zur Ruhe zu kommen.
Bad Oeynhausen (AM). Menschen vor Verletzungen zu schützen ist ein wichtiges Ziel in der Alten- und Behindertenhilfe, in der häuslichen Pflege, aber auch im Krankenhaus. Im Betreuungsalltag sind deswegen Bettgitter, Fixiergurte, abgeschlossene Türen, festgestellte Rollstuhlbremsen oder elektronische Sicherungssysteme weit verbreitete Hilfsmittel. Egal, ob es sich um körpernahe Fixierungen, bauliche Maßnahmen oder Einschränkungen durch Hilfsmittelnutzung handelt, wird das Grundrecht auf Bewegungsfreiheit (Artikel 2 Grundgesetz) eingeschränkt. Seit Anfang der 90er Jahre regelt das Betreuungsgesetz, unter welchen besonderen Bedingungen das Recht auf körperliche Bewegungsfreiheit begrenzt werden darf. Doch auch dann ist immer der Beschluss eines Richters oder eine Notfallbehandlung durch einen Arzt Voraussetzung für den Eingriff. „Schnell mal Wegschließen, Festbinden oder fix fixieren, um für Ordnung zu sorgen, ist rechtlich nicht möglich, aber auch pädagogisch und psychologisch nicht sinnvoll und würde einem Machtmissbrauch gleichkommen", erklärt Diakon Dietmar Struck, der für einen Geschäftsbereich in der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen verantwortlich ist, in dem viele Menschen mit besonders herausforderndem Verhalten, Sucht- und anderen psychischen Erkrankungen und Behinderung leben.
„Die einen müssen wir schützen, damit sie nicht die Treppe runterfallen oder im Halbschlaf beim Aufstehen aus dem Bett stürzen und sich schwere Knochenbrüche zuziehen" berichtet der Diakon, der aber auch für das Wohlergehen von Menschen verantwortlich ist, die sich selbst verletzen und in bestimmten Situationen aggressiv gegen sich selbst und andere Personen reagieren. „Wir werden erfinderisch, um Unfälle und Krisen zu vermeiden und machen zusätzliche Angebote. Bei einigen Personen haben schon Bewegungs- und Entspannungsangebote die erwünschte Wirkung. Manchmal hilft die Sicherheit einer vertrauten Person in ihrer Nähe, die auch in schwierigen Situationen ohne Worte die Bedürfnisse des Bewohners erkennt", berichtet Dietmar Struck, der großen Wert darauf legt, dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Fortbildungen im Bereich Deeskalationstraining und Umgang mit Gewaltsituationen teilnehmen. „Freiheitsbegrenzende Maßnahmen sind immer nur das letzte Mittel, wenn sonst nichts mehr geht und auch dann ist darauf zu achten, die Freiheitsbegrenzung so gering und so kurz wie möglich zu halten", betont der Diakon, der die positiven Seiten von Freiheitsbegrenzende Maßnahmen nicht missen möchte, weil sie manchmal Freiheit ermöglichen: „Ein Zaun setzt in einem Garten Grenzen in der persönlichen Bewegungsfreiheit, aber er ist für einige Menschen die einzige Chance, sich ohne Begleitung an der frischen Luft zu bewegen", so Dietmar Struck, zu dessen Verantwortungsbereich Wohngruppen gehören, in denen Zwischentüren abgeschlossen werden können, oder die mit elektronischen Sicherungssystemen ausgestattet sind, so dass bestimmte Personen nicht unbemerkt das Haus verlassen können, weil sie sich nicht sicher im Straßenverkehr bewegen können.
Ganz ohne freiheitsbegrenzende Maßnahmen kann sich Dietmar Struck seinen Berufsalltag zurzeit nicht vorstellen. „Ziel ist es möglichst selten freiheitsbegrenzende Maßnahmen einzusetzen auch da, wo sie heute noch zum Alltag gehören", so Dietmar Struck, der weiß dass Veränderungen nur in kleinen Schritten möglich sind. „Für Menschen, die Probleme haben, ihre eigenen Impulse zu kontrollieren, können Fixierungen eine große Hilfe sein. Eine Handfixierung kann einem Menschen den Halt und die Sicherheit gegeben, die sie benötigen, um neue Freiräume zu erschließen", erklärt Diplom Psychologe Stephan Buschkämper, der einige Menschen im Wittekindshof begleitet, die ihre Fixierungen auch selbst anlegen und öffnen können. „Diese Menschen nutzen die Fixierungen für sich wie ein Ruheritual. Sie machen sich selbst fest, um innerlich zur Ruhe zu kommen. Sie zeigen stolz ihren Schlüssel, den Magneten für die Gurte und den Chip für das Türsicherungssystem, durch die sich ihnen viele Wege eröffnen. Die sie aber nur dann für sich nutzen können, wenn sie zwischendurch auftanken können. Zur Ruhe kommen gelingt ihnen zurzeit aber nur, wenn sie sich selbst einen Fixiergurt anlegen", so Stephan Buschkämper.
Der Diplom Psychologe wird zusammen mit Dietmar Struck zum Thema „Umsetzung von fixierungsvermeidenden Konzepten in der Behindertenhilfe" einen Vortrag bei der Fachtagung „Fix fixiert? Risiken und Chancen freiheitsbegrenzender Maßnahmen" am Freitag, 16. April, von 8 bis 17 Uhr im Innovationszentrum Fennel (Buddestraße 11) in Bad Oeynhausen halten.
Fachtagung Fix fixiert?
Sie wird von der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Kooperation mit dem Evangelischen Betreuungsverein Bad Oeynhausen e.V. am Freitag, 16. April, von 8 bis 17 Uhr im Innovationszentrum Fennel (Buddestraße 11) in Bad Oeynhausen für Mitarbeitende der Alten- und Behindertenhilfe, Psychiatrie, Betreuer und Angehörige veranstaltet. In sechs Fachvorträgen und einer abschließenden Podiumsdiskussion werden ethische, psychologische, medizinische und rechtliche Aspekte im Umgang mit Freiheitsbegrenzenden Maßnahmen in der Psychiatrie, Alten- und Behindertenhilfe in den Blick genommen und ausführlich die ReduFix-Studie vorgestellt.