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Der 13-jährige Frank hat sich ein Zimmer im Erdgeschoss ausgesucht und freut sich, dass man rund ums Haus mit dem Kettcar fahren kann. Den Weg kann er auch von seinem Zimmer aus durch große Fenster sehen.
Gronau (AM). Die Spannung ist in den letzten Tagen immer weiter gestiegen. Schon das Angebot, gemeinsam zum neuen Kinder- und Jugendhaus der Diakonischen Stiftung Wittekindshof an der Königsstraße in Gronau zu gehen, hat Begeisterung ausgelöst. Jedes Mal gab es etwas Neues zu entdecken. Der achtjährige Kevin zieht eine Schublade auf: „Hier kommen meine Spielzeugautos rein oder meine Strümpfe!"" Dann wandert sein Blick zum großen Schrank: „Der ist nur für mich!" Die Entscheidung scheint gefallen, dass es ein Kleiderschrank und eine Kommode für Spielsachen sein wird. Dann rennt er wieder los, kommt etwas atemlos zurück und erklärt strahlend: „Ich habe es echt gut, weil das Haus so schön ist!"
Nach gut einjähriger Bauzeit sind gestern die ersten Kinder und Jugendlichen umgezogen und habe heute zum ersten Mal im Wittekindshofer Neubau an der Königsstraße geschlafen. Der 15-jährige Domenic freut sich über sein eigenes Zimmer und dass seine Freunde und Kollegen aus der Johannesschule und dem Wittekindshofer Schülerhaus und dem Haus Hagemann auch im neuen Haus wohnen. Vier weitere Kinder und Jugendliche mit Behinderung werden direkt aus dem Elternhaus oder anderen Einrichtungen in den Neubau umziehen. „Ihnen konnten wir bisher keine Wohnmöglichkeiten anbieten. Der Neubau bietet nicht nur mehr Platz, sondern wir können unser Angebot spezialisieren", erklärt Geschäftsbereichsleiter Diakon Klaus Jurczewski. Für das Trainingswohnen stehen im Obergeschoss vier Zimmer mit eigenem Bad für ältere Jugendliche zur Verfügung, die sich weiter verselbständigen wollen. Im Erdgeschoss ist ein Heilpädagogischer Intensivbereich mit vier Einzelzimmern entstanden: „Es gibt Kinder und Jugendliche, die in größeren Gruppen überfordert sind, die die vielfältigen Reize aus ihrer Umwelt nicht angemessen verarbeiten können, eine sehr geringe Frustrationstoleranz haben, kaum Kontakte zur Außenwelt aufbauen oder ihr Verhalten oft nicht selbst steuern können. Sie brauchen ein besonderes Wohnumfeld und intensive heilpädagogische Begleitung, damit sie Entwicklungsmöglichkeiten entfalten und eigene Kompetenzen entwickeln können", erklärt Verena Lüttel, stellvertretende Teamleiterin und Mitarbeiterin im Heilpädagogischen Intensivbereich. Eltern, aber auch andere Einrichtungen haben schon lange auf dieses Angebot gewartet: „Einer Familie haben wir zwischendurch mehrfach Kurzzeitwohnen angeboten. Das war eine Hilfe und hat dazu beigetragen, dass die Familie länger zusammenbleiben konnte. Das reicht jetzt aber nicht mehr", so Klaus Jurczewski.
Der Heilpädagogische Intensivbereich ist ein spezialisiertes Wohnangebot, dass der Wittekindshof bereits seit einigen Jahren in Bad Oeynhausen zunächst nur für Erwachsene und später auch für Kinder und Jugendliche entwickelt hat und jetzt auch in Gronau und demnächst auch in Hamm anbieten wird: Anlass war die zunehmende Anzahl von jungen Menschen, die einen erhöhten Unterstützungsbedarf aufgrund ihres herausfordernden Verhaltens haben. Die geistige oder körperliche Behinderung hat untergeordnete Bedeutung. „Im Heilpädagogischen Intensivbereich können wir uns ganz auf ihre Bedürfnisse einstellen, um ihnen positive Erfahrungen zu ermöglichen. Sie haben Rückzugsmöglichkeiten, aber durch die direkt benachbarten anderen Wohngruppen können gemeinsame Aktivitäten stattfinden. Ziel ist es, dass auch diese Kinder und Jugendlichen dauerhaft in einem anderen Wohnumfeld mit weniger intensiver Unterstützung leben können", betont Verena Lüttel.
Im Heilpädagogischen Intensivbereich werden vier Kinder und Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Interessen leben. Aber auch in den beiden 8er Wohngruppen, die jeweils in zwei 4er Wohnbereiche unterteilt werden können, sieht es bunt aus. Der achtjährige Kevin ist der Jüngste. Jugendliche, die im Sommer die Schule abschließen sind die Ältesten: „Grundsätzlich ist das Kinder- und Jugendhaus ein Angebot vom ersten Lebensjahr bis zur Schulentlassung, aber wir wollen auch Übergänge ermöglichen, manchmal bietet sich ein Umzug schon früher an oder wenn nach dem Wechsel von der Schule ins Arbeitsleben wieder etwas Ruhe eingekehrt ist", weiß der Geschäftsbereichsleiter aus Erfahrung. In den nächsten Wochen steht für alle das Einleben und das Zusammenwachsen der neuen Wohngruppen im Mittelpunkt. Der 13-jährige Frank, der sich ein Zimmer im Erdgeschoss gewünscht hat, freut sich am meisten auf den Garten: „Ich kann rund um das Haus mit dem Kettcar fahren. Der Weg ist genau vor meinem Fenster."