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Svenja Tegeler ist Diakonin im Wittekindshof, Unterbrandmeisterin in der Löschgruppe Volmerdingsen, Notfallseelsorgerin im Kirchenkreis Vlotho und zuständig für die Fachberatung Seelsorge in der Feuerwehr Bad Oeynhausen.
Bad Oeynhausen (AM). Schwarzer Kajalstift und schwere Rettungsschere, Kuschelbären und harte Männer, Dasein und abgeben können sind Gegensätze, die einen festen Platz im Leben von Svenja Tegeler haben. Vor wenigen Jahrzehnten hätte sie weder ihren Beruf noch ihr Hobby ausführen können, da beides fest in Männerhand war. Aber die Zeiten sind vorbei. Diakoninnen sind in Einrichtungen wie dem Wittekindshof seit vielen Jahren nicht mehr wegzudenken und sind in den Ausbildungskursen nicht selten sogar in der Mehrheit. Ganz so weit ist die Entwicklung in der Feuerwehr noch nicht. Aber längst haben auch hier Frauen Leitungspositionen oder haben ihr Hobby zum Beruf gemacht und verdienen ihr Geld als Feuerwehrfrau. Svenja Tegeler ist hauptberuflich Diakonin und als Teamleiterin für die beiden Wohnhäuser der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Löhne-Gohfeld verantwortlich. Im Ehrenamt ist sie Unterbrandmeisterin in der Löschgruppe Volmerdingsen, engagiert sich im Team der Notfallseelsorge im Kirchenkreis Vlotho und ist für die Fachberatung Seelsorge der Feuerwehr Bad Oeynhausen zuständig.
Svenja Tegeler weiß, was im Kampf gegen Feuer und Umweltgifte zu beachten ist, kann eingeklemmte Unfallopfer mit der Rettungsschere aus Autos befreien. Aber sie kommt auch in Privatwohnungen und Krankenhäuser, wenn Menschen plötzlich mit dem Tod eines nahen Angehörigen konfrontiert sind. „Aus dem Fernsehen oder den Zeitungen ist das Bild vom Notfallseelsorger nach großen Unglücksfällen mit vielen Toten und Verletzten wie der Zugkatastrophe von Eschede, einem Busunfall oder einem Amoklauf bekannt. Viele häufiger werden wir aber nach Suizid oder erfolgloser Reanimation gerufen", erklärt die Notfallseelsorgerin.
Die Kreisleitstellen in Minden oder Herford fordern die Notfallseelsorge an. Rund um die Uhr ist ein schnell erreichbarer Bereitschaftsdienst durch die rund 70 Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger in den Kirchenkreisen Vlotho, Minden, Herford oder Lübbecke sichergestellt. „Mittlerweile wissen die Kollegen von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei, dass wir uns um Menschen kümmern können, wenn sie schon wieder zum nächsten Einsatz müssen oder einfach keine Zeit da ist, weil sie Schwerverletzte versorgen oder Ermittlungstätigkeiten aufnehmen müssen", berichtet Svenja Tegeler, die für diese Einsätze auch Kuschelbären im Koffer der Notfallseelsorge hat. „Für Kinder kann das sehr hilfreich sein, aber meistens ist es das Wichtigste, dass ein Mensch da ist und Zeit hat zum Zuhören oder das Schweigen einfach mit aushalten kann", so Svenja Tegeler.
Wenn es gewünscht wird, kann die Diakonin ein Gebet sprechen oder spontan eine Aussegnung für einen gestorben Menschen machen. „Außer menschliche Nähe brauchen Personen in Ausnahmesituationen meistens ganz praktische Hilfe. Ich koche einen Tee oder besorge ein Wasser und wir überlegen gemeinsam, wer informiert werden muss oder jetzt helfen kann", berichtet die Notfallseelsorgerin. Sie will genau diese Zeit überbrücken, bis andere Unterstützung eintrifft. Dann verabschiedet sie sich. Bilder vom Unglücks- oder Tatort, Erlebnisse, die unter die Haut gehen, und die Erfahrung, dass man manchmal nur tatenlos zusehen kann, kann sie nicht immer zurücklassen: „Von jedem Einsatz bleibt etwas zurück. Um damit professionell umzugehen und überhaupt einen Fall, zu dem man im Notfall plötzlich gerufen wird, auch wieder innerlich abgeben zu können, braucht man eine fundierte Ausbildung und ständige Unterstützung", ist Svenja Tegeler überzeugt. Erste Grundlagen hat die Diakoninnenausbildung im Wittekindshof geschaffen, hinzu ist eine spezielle Ausbildung in der Notfallseelsorge gekommen, die kontinuierlich durch Supervision in der Gruppe mit den anderen Notfallseelsorgerinnen und -seelsorgern und durch Einzelgespräche ergänzt wird.
Weil Svenja Tegeler aus eigener Erfahrung aber weiß, dass nicht nur der Einsatz in der Notfallseelsorge, sondern auch bei der Feuerwehr belastet, ist sie seit einigen Jahren für die Fachberatung Seelsorge und damit für die psychosoziale Unterstützung der Rettungskräfte zuständig. „Im Einsatz funktionieren Feuerwehrmänner und -frauen. Jeder weiß, welcher Handgriff zu tun ist. Die Probleme kommen nach dem Einsatz, wenn Bilder von schrecklichen Verkehrsunfällen oder Schreie von einem Feuer immer wieder hochkommen", berichtet die Diakonin und Feuerwehrfrau. Als Unterbrandmeisterin kennt sie nicht nur feuerwehrtechnische Regeln, sondern auch die ungeschriebenen Gesetze. „Schwäche zugeben ist weiterhin an vielen Stellen schwierig. Im Einsatz muss jeder funktionieren. Da muss man hart sein, auch wenn's schwer fällt. Menschen, die sich in der Feuerwehr und im Rettungsdienst engagieren, wollen anderen Menschen helfen. Sie vergessen, dass sie nur stark für andere sein können, wenn sie verarbeitet haben, was sie erleben mussten", erklärt Svenja Tegeler. Sie drängt niemandem ein Gespräch auf, selbst wenn sie überzeugt ist, dass es nötig wäre. Aber sie informiert über Verletzungen der Seele bei Rettungseinsätzen, den Unterschied zwischen gutem und krankmachendem Stress und ermutigt ihre Kameraden und Kameradinnen in der Feuerwehr nicht nur anderen zu helfen, sondern auch auf sich selbst zu achten, Verletzungen ernst zu nehmen und Hilfe anzunehmen. Mittlerweile hat sich in Feuerwehrkreisen herumgesprochen, dass Unterbrandmeisterin Tegeler nicht mit Bibel und Gesangbuch missioniert, sondern dass man mit der Frau, die gerne mal den schwarzen Kajalstift benutzt, reden kann über Leben und Tod, Engagement und Hilflosigkeit. Weil man sie von Einsätzen mit der Löschgruppe Volmerdingsen oder von Fortbildungen kennt, sinkt die Hemmschwelle, Kontakt aufzunehmen: „Manchmal kriege ich eine Mail oder einen Anruf und einer fragt, ob ich mal Zeit habe. Dann geht es um Einsätze und Erlebnisse, die manchmal lange zurück liegen, oder die Angst irgendwann seine eigene Freundin aus einem Autowrack schneiden zu müssen. Wir haben auch schon über Gott gesprochen, der nicht weggeguckt hat bei schweren Unfällen, sondern dabei ist, wenn die Feuerwehrmänner ihr Leben riskieren, um andere zu retten!"
Hintergrundinformation
Notfallseelsorge
Notfallseelsorge ist ein Angebot der christlichen Kirchen für Menschen in Ausnahmesituationen unabhängig von ihrer eigenen religiösen oder konfessionellen Einstellung und Bindung. In den Kirchenkreisen Minden, Lübbecke, Vlotho und Herford sind rund 70 speziell ausgebildete Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Diakoninnen und Diakonie in der Notfallseelsorge aktiv. Sie sind rund um die Uhr einsatzbereit und werden über die Leitstellen auf Anforderung der vor Ort tätigen Rettungskräfte alarmiert. Sie werden bei Unfällen und Katastrophen, aber auch bei plötzlichen Todesfällen, Suizid oder in anderen Ausnahmesituationen angefordert, in denen die Polizei ermittelt oder Notärzte vor Ort sind und die Einsatzkräfte Unterstützung bei der Begleitung von Opfern und Angehörigen erbitten.
Fachberatung Seelsorge
Die Fachberatung Seelsorge ist ein spezielles Angebot für die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitglieder der Feuerwehr und des Rettungsdienstes. Die Fachberatung Seelsorge informiert beispielsweise über die Auswirkungen von nicht verarbeitetem Stress in außergewöhnlichen Einsatzsituationen bis hin zur Posttraumatischen Belastungsstörung. Darüber hinaus bietet die Fachberatung Seelsorge Gesprächsmöglichkeiten über belastende Erfahrungen in außergewöhnlichen Einsatzsituationen oder Ängste im Alltag von Feuerwehr und Rettungsdienst und berät über weitergehende Unterstützungsmöglichkeiten. Diakonin Svenja Tegeler ist für die Fachberatung Seelsorge und die psychosoziale Unterstützung von Einsatzkräften der Feuerwehr der Stadt Bad Oeynhausen und den verschiedenen Löschgruppen zuständig und hat für diesen Dienst verschiedene Fortbildungen am Institut der Feuerwehr in Münster besucht. Mittlerweile bieten viele Feuerwehren die Fachberatung Seelsorge an, für die jeweils eine Person mit theologischer Ausbildung (z.B. Pastoren und Diakoninnen) zuständig sind, die gleichzeitig in der Feuerwehr aktiv sind.