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Zwei Weihnachtsbilder aus dem Wittekindshof mit rund 100 Jahren Abstand. Sie sind erschienen im Wittekindshofer Jubiläumskalender.
Bad Oeynhausen (AM). „Früher war ich immer ein Hirte. Wie mein Mantel aussah, weiß ich noch ganz genau. Der war grün und ich hatte einen Hut auf", erinnert sich Hildegard Franke an die Krippenspiele in der Wittekindshofer Kirche. Die Rentnerin lebt seit 36 Jahren in der Diakonischen Stiftung in Bad Oeynhausen. Eine noch viel längere Tradition haben Theateraufführungen zur Weihnachtszeit im Wittekindshof.
Der Kalender der Diakonischen Stiftung Wittekindshof für das 125-jährige Jubiläumsjahr erinnert mit einer Fotocollage daran. Fast elfenhaft wirken die Engel, die sorgfältig aufgereiht, auf dem historischen Foto zu sehen sind. Das andere Foto ist fast hundert Jahre jünger. Ein Bild von einem der großen Gottesdienste am Bescherungstag mit Krippenspiel.
So exakt wie damals wird das Krippenspiel nicht einstudiert. Viel wichtiger ist, dass jeder, der möchte, mitmachen kann. Auf dem Foto zu sehen ist Brigitte Zimmermann als Maria. Die Rolle ist ebenso wie die von Josef heiß begehrt. In diesem Jahr darf sie Zofia Makarewicz übernehmen. Als sie zur Probe das rote Kleid und das große Kopftuch angezogen hatte, konnte man sich fast einbilden, sie hätte auch noch einen Heiligenschein, weil sie so strahlte und „ihr Kind" behutsam auf dem Arm schaukelte: „Ich freu' mich so!"
Die Vorfreude auf den Gottesdienst ist weit verbreitet. Egal ob im verschneiten Winter oder mitten im Hochsommer, immer wieder ist der Weihnachtsgottesdienst ein Thema: „Darf ich wieder mitmachen?" Manchmal ist es auch eine Ermahnung; „Denkst Du an mich. Ich möchte wieder aus der Bibel vorlesen." oder eine Erinnerung: „Weißt Du noch, die Frau in der Predigt, die kein Zuhause hatte?"
Die Gottesdienste am Bescherungstag sind das ganze Jahr über ein Thema und sie leben davon, dass viele Menschen mitmachen. Die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium wird gelesen, gespielt und mit Bildern veranschaulicht. Für jeden, der im Gottesdienst mitmachen möchte, wird eine Aufgabe gesucht. Wenn das Lesen Mühe macht, ist der Text kurz. Bei einigen älteren Damen kann es passieren, dass sie viel mehr vorlesen, als auf Ihren Zettel geschrieben steht, weil sie die Worte in jungen Jahren auswendig gelernt hatten. Andere haben viel geübt, haben vor Aufregung kalte Hände und sprechen hochkonzentriert die kurzen Sätze, die ihnen leise ins Ohr geflüstert werden, weil sie selbst nicht lesen können.
Hildegard Franke hat sich ihre Rolle ganz bewusst ausgesucht: „Ich möchte ein Engel sein. Die sehen so schön aus und haben eine gute Botschaft." Die 78-Jährige wird als Engel Gabriel ihren Auftritt mitten zwischen den Gottesdienstbesuchern haben, unter denen sich sehr viele Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen befinden. Sie sind darauf angewiesen, dass etwas ganz in ihrer Nähe passiert, was sie anspricht.
So wie Hildegard Franke werden auch viele andere Engel, Hirten und Schafe mit Rollstuhl, Rollator oder Liegewagen mitspielen. Längst nicht alle können und wollen sprechen, aber sie tragen zur ganz besonderen Atmosphäre bei und lassen die alte Geschichte lebendig werden.
Auch ungewohnte Fragen und Antworten haben ihren Platz. In den letzten Jahren haben Kinder als Streitschlichter die weihnachtliche Friedensbotschaft veranschaulicht. Statt Gold, Weihrauch und Myrre wurden Geld und Windeln zum Stall getragen. „Weil Eltern das gut gebrauchen können", hatten sich junge Erwachsene überlegt und einem anderen Mann war die Flasche Rotwein wichtig, weil er selbst nur bei ganz besonderen Anlässen ein Glas Wein trinken darf.
Eine Schlüsselrolle hat die Musik. Seit zehn Jahren engagiert sich der Posaunenchor Volmerdingsen mit immer neuen Ideen. Gitarren, Trommeln und Piano begleiten den Gemeindegesang. Besondere Akzente werden mit Querflöte oder Saxophon gesetzt und einige Schülerinnen und Schüler, die im Laufe des Jahres an einem Community Dance Tanzprojekt teilgenommen haben, werden einen ruhigen Engeltanz zeigen. Mucksmäuschenstill wird es im Gottesdienst nicht sein, aber die Atmosphäre spricht an und verändert.
„Der Bescherungsgottesdienst ist mein Weihnachtsfest. An den Feiertagen bin ich dann für andere da", erklärte eine Mutter dankbar.
Gottesdienste am Bescherungstag
Auf dem Wittekindshofer Gründungsgelände in Bad Oeynhausen-Volmerdingsen wird seit etwa 1915 am 22. Dezember, Heiliger Abend gefeiert. Verschiedene Gottesdienste, Besuche von Eltern und Angehörigen, festliches Essen und Geschenke sind fester Bestandteil des Bescherungstages. Einige Bewohner können so erst im Wittekindshof und später noch einmal Zuhause Weihnachten feiern. Alle zusammen genießen es, dass die Mitarbeitenden am Bescherungstag mehr Ruhe als am Heiligen Abend haben, wenn Zuhause die eigene Familie wartet.
Wittekindshofer Kalender
Der Wittekindshofer Jubiläumskalender mit jeweils 12 historischen und aktuellen Fotos sowie Kurztexten auf den Rückseiten kann für 10 Euro plus Porto bestellt werden unter:
Wittekindshofer Jubiläumskalender
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