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Auf der Bodenmatte kann sich Heinz Rusch selbständig fortbewegen. Durch Kinästhetik hat er neue Bewegungsmöglichkeiten entdeckt.
Bad Oeynhausen/ Löhne/ Minden/ Hille/ Lübbecke/ Espelkamp (AM). Heinz Rusch strahlt. Er hat die Startposition sofort wieder erkannt. Gleich wird er auf der Schaumstoffmatte liegen, die ihm Bewegungsfreiheit bietet, die er in seinem großen Rollstuhl nicht hat. Obwohl der gut 50-Jährige geistig und körperlich schwer behinderte Mann erheblich größer als Holger Weißenborn ist, braucht der Gesundheits- und Krankenpfleger keine Verstärkung: „Die Zeiten, in denen wir Heinz zu zweit vom Rollstuhl ins Bett gehoben und dabei unseren eigenen Rücken kaputt gemacht haben, sind vorbei. Ich unterstütze Heinz in seiner eigenen Bewegungsfähigkeit", erklärt der Mitarbeiter aus dem Wittekindshofer Wohnbereich Bethanien. Holger Weißenborn rückt den Rollstuhl am Bett zurecht und klappt die Fußstützen zur Seite, damit er die Füße von Heinz Rusch auf den Boden stellen kann.
Die Gäste, die sich im Sternensaal im Haus Bethanien zur Abschlusspräsentation der ersten Kinästhetik Peer-Tutorenausbildung im Wittekindshof versammeln hatten, beobachten eine Vielzahl einzelner Handgriffe, mit denen der Gesundheits- und Krankenpfleger Heinz Rusch unterstützt, bis er zunächst im Bett liegt und von da aus sanft auf die Schaumstoffmatte gleitet. Das alles sieht nicht nach einem Kraftakt aus, vielmehr nach perfekter Teamarbeit. „Es ist das Ergebnis monatelanger Arbeit. Am Anfang geht es immer um sorgsames Beobachten, um vorhandene Bewegungsmöglichkeiten zu entdecken, um sie dann so zu unterstützen, dass sich ein Bewegungsfluss entwickeln kann", fasst Holger Weißenborn wichtige Grundlagen der Kinästhetik zusammen. Patentrezepte hat er weder im Grund- noch im Aufbaukurs oder jetzt in der Peer-Tutorenausbildung erhalten: „Manchmal muss man auch unkonventionelle Wege wie den Umweg über das Bett auf den Boden wählen, um ans Ziel zu kommen. Je stärker die Bewegungseinschränkung ist, desto mehr Erfahrung ist nötig."
Holger Weißenborn hat ebenso wie die sieben anderen Kollegen, die zusammen mit ihm die Multiplikatorenfortbildung absolviert haben, vom Erfahrungsschatz von den beiden Kinästhetik-Trainern, Gundula Höppner und Michael Lilienkamp, profitiert. Demnächst werden die sieben Peer-Tutoren im Alltag der Wittekindshofer Wohngruppen ihre Erfahrungen an Kollegen weitergeben. Das ersetzt keinen Kinästhetik-Grundkurs, den seit einigen Jahren alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Wohnbereich Bethanien, wo 220 meist sehr schwer mehrfachbehinderte Frauen und Männer leben, absolvieren müssen. Die Peer-Tutoren unterstützen Kollegen beim Entdecken vorhandener Bewegungsmöglichkeiten und passender Unterstützungsaktivität. Ein bis zweimal im Jahr werden sie selbst an Vertiefungstagen teilnehmen, um neue Anregungen zu bekommen.
Bei der Abschlusspräsentation der Peer-Tutorenausbildung wurde die Vielschichtigkeit der Kinästhetik deutlich. Das Entdecken bisher verborgener Bewegungskompetenzen hat bei einem Bewohner dazu geführt, dass er mittlerweile aufrecht in einem neuen Rollstuhl sitzen kann, obwohl er jahrzehntelang nur liegen konnte. „Der Zugewinn an Lebensqualität ist enorm. Heinrich Brink sieht die Welt aus einer ganz neuen Perspektive und kann jetzt normal trinken, was im Liegen fast unmöglich war", berichtet Kai Borowski. Ganz so weit sind Sylke Ballin und Nadine Scherdin noch nicht. Sie hoffen noch auf bauliche Veränderungen im Badezimmer. Angeregt durch die Kinästhetik-Fortbildungen haben sie den Wohngruppenalltag unter die Lupe genommen und entdeckt, dass die für kleine Personen zu hoch montierten Toiletten die Bewegungsmöglichkeiten behindern. Diakon Geert-Paul Boermanns hat dafür gesorgt, dass ein Podest gebaut wird, damit Bewohnerinnen, die nicht selbständig sitzen können, im Wohnzimmer auf dem Podest liegen können, das ihnen Bewegungsfreiheit bietet, aber auch Kommunikation mit anderen ermöglicht. Für Heinz Rusch, den Holger Weißenborn über das Bett auf die Bodenmatte gelegt hat, wäre ein solches Podest mittlerweile gefährlich, da er angefangen hat zu robben und sich nun selbständig fortbewegen kann, was keiner erwartet, wenn man ihn nur in seinem aufwendigen Rollstuhl sitzen sieht.
Die Peer-Tutorenausbildung erfolgreich abgeschlossen haben: Sylke Ballin (Lübbecke), Geert-Paul Boermanns, Kai Borowski, Petra Taake (Bad Oeynhausen), Andrea Riechmann (Minden), Nadine Scherdin (Hille), Holger Weißenborn (Löhne) und Anatolie Wiebe (Espelkamp).