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Der Wittekindshof hat 2,8 Millionen Euro in den Umbau des Wohnhauses zum Vorwerk 52 A und die großen Balkone investiert.
Bad Oeynhausen (AM). Am Samstagnachmittag sind die Türen zum TSA-Bereich am Wittekindshofer Vorwerk in Bad Oeynhausen-Volmerdingsen weit geöffnet. Während der Woche finden Tagesstrukturierende Angebote (TSA) für Frauen und Männer statt, die aufgrund der Schwere ihrer Behinderung oder weil sei bereits das Rentenalter erreicht haben, nicht in den benachbarten Wittekindshofer Werkstätten arbeiten. Am Wochenende sind alle 104 Bewohnerinnen und Bewohner herzlich willkommen. Viele kommen selbständig, andere werden von Mitarbeitenden gebracht. Beliebt ist der Musikkreis zum Mitsingen und Zuhören und mit einer großen Kiste voller Rhythmusinstrumente. Der Lieblingsplatz von Christian Levin ist vor den Füßen von Silke Göhner: Ein paar Lieder lang, hält er sein Ohr direkt an ihre Gitarre. Spielt dann noch kurz mit einer Rassel und verschwindet im Bewegungsraum. Dort sitzt Heike Stosun mit Katy Gordalla im Bällebad, genießt die Ruhe, die volle Aufmerksamkeit und Nähe der Mitarbeiterin. Irgendwann klettert sie wieder aus dem Bällebad, um zu gucken, ob die anderen noch musizieren. Jetzt hat Christian Levin den Bewegungsraum für sich allein, macht es sich in der großen Sesselschaukel gemütlich, pendelt erst leicht hin und her, und stößt sich später auch kräftig mit den Füßen von der Wand ab. Christian Levin hat großes Glück. An diesem Samstag muss er die Schaukel nicht teilen. Das schöne Wetter und die großen Kettcars und Roller vor dem Haus locken die anderen bewegungsfreudigen Menschen zu einer Rundfahrt.
„Entscheidend am Wochenende sind die Wahlmöglichkeiten. Wir wollen nicht nur Abwechslung bieten, sondern auch für Menschen mit schweren Behinderungen Selbstbestimmung ermöglichen, indem sie selbst entscheiden können, was sie wie lange machen", erklärt Diakonin Caroline Gradel, die die Tagesstrukturierende Angebote leitet. Besonders beliebt sind Steckspiele und Holzpuzzle, die auf drei Tischen in der Cafeteria ebenso bereit liegen wie Papier und Wachsmalstifte. „Im Wittekindshofer Vorwerk leben viele Menschen mit Autismus oder anderen psychischen Beeinträchtigungen. Sie mögen Musik, aber brauchen Abstand und fühlen sich nicht wohl, wenn sie mitten in der Gruppe sitzen", erklärte die Heilpädagogin.
In der Woche kommen neben Rentnern auch Bewohner aus dem Heilpädagogischen Intensivbereich in die TSA-Räume, denen Abstand zu anderen Menschen nicht reicht. Um sich überhaupt auf eine Aufgabe konzentrieren zu können, brauchen sie eine reizarme Umgebung und zumindest einen Bereich, wo sie alleine sein können. Speziell für diesen Personenkreis wurden zwei Räume nur mit weißer Tapete, Tisch, Stuhl und einer kleinen spanischen Wand ausgestattet. In dem ansonsten leeren Regal liegen die Schuhboxaufgaben, die der Reihe nach abgearbeitet werden. „Die klare Struktur hilft den Menschen und erweitert ihre Möglichkeiten. Einige Personen können mittlerweile für kurze Zeiträume auch typische Werkstattarbeiten erledigen und haben ihre Arbeitsecke in einem Raum, in dem auch andere Menschen basteln, puzzeln oder Steck- und Geschicklichkeitsspiele machen. Die Nähe der anderen Menschen ist eine genauso große Herausforderung wie sich auf eine konkrete Aufgabe zu konzentrieren. Beides sind aber Voraussetzung zur Teilhabe am Arbeitsleben in einer Werkstatt", erklärt Caroline Gradel.
Bis vor wenigen Wochen konnten sie von Räumen, die eine klare Funktion haben nur träumen. Vieles musste improvisiert werden. Erst durch den Umbau des Hauses Zum Vorwerk 52 A ist der TSA-Bereich mit rollstuhlgerechter Küche, Bewegungs- und Kreativraum, großer Garderobe und weiteren Gruppenräumen entstanden, der speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit hohem psychosozialem Integrationsbedarf abgestimmt ist. „Im Erdgeschoss haben wir statt einer zweiten Wohngruppe den TSA-Bereich geschaffen. Durch den Umbau leben zehn Menschen weniger am Vorwerk, denen wir jedoch erheblich mehr Lebensqualität bieten können", berichtet Wohnbereichsleiter Diakon André Weber, der sich außer über den TSA-Bereich und die modernen Sanitärbereiche vor allem freut, dass das Haus durch große Fenster viel heller geworden ist und alle Bewohner durch Balkone und Terrassen jederzeit an die frische Luft gehen oder mit dem Rollstuhl fahren können.
Am Samstag, 19. September, sind ab 12 Uhr die Türen am Vorwerk wieder geöffnet - dieses Mal nicht nur im TSA-Bereich, sondern in allen drei Wohnhäusern auch für Angehörige, Nachbarn und alle anderen Interessierten, die sich selbst ein Bild vom Umbau machen wollen.
Hintergrund: Der Umbau des Wohnhauses Zum Vorwerk 52 A
Das Wohnhaus Zum Vorwerk 52 A wurde 1981 gebaut und in den letzten 18 Monaten vollständig saniert. Den Architekten der Planungsgruppe Minden ist es gelungen, auch aus ehemals düsteren Fluren helle freundliche Wohn- und Lebensbereiche für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf zu schaffen. Das Haus bietet in fünf Wohngruppen auf drei Etagen Wohnmöglichkeiten für 58 Frauen und Männer mit Behinderungen. Durch den Umbau sind moderne barrierefreie Sanitärbereiche und Balkone sowie Terrassen und gesicherte Gartenbereiche entstanden. Zwei Wohngruppen sind mit einem elektronischen Sicherungssystem ausgestattet, dass orientierungslosen Personen Schutz und anderen viel Bewegungsfreiheit ermöglicht. Neu geschaffen wurde der Bereich für Tagesstrukturierende Angebote (TSA) mit einer Cafeteria, einem Kreativ- und Bewegungsraum, zwei reizarmen Förderräumen und mehreren Gruppenräumen. Die Sanierungskosten belaufen sich auf rund 2,8 Millionen Euro. Sie werden finanziert durch die Aktion Mensch, einem Zinszuschuss der Deutschen Behindertenhilfe, Kapitalmarktdarlehen und Eigenmittel der Diakonischen Stiftung Wittekindshof einschließlich Spenden.