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„Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung"
Auf dem Gründungsgelände der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen wurde 1995 ein Mahnmal des Darmstädter Künstlers Helmut Lander für Menschen mit Behinderung, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind, vor der Kapelle aufgestellt. Die Inschrift im Sockel „Das Geheimnis de Versöhnung heißt Erinnerung" ist eine altjüdische Weisheit. Die Metallskulptur zeigt eine Person zunächst im vollen Profil, die in der Mitte zwischen zwei dicken Wänden zerdrückt kaum noch sichtbar ist und schließlich nur noch als Schatten der Erinnerung wahrgenommen werden kann. Der Öffentlichkeit vorgestellt wurde das Mahnmal in einer Gedenkstunde am 29. September 1995. Der damalige Vorsteher des Wittekindshofes, Pfarrer Erich Eltzner, erklärte in der Einladung zur Gedenkstunde: „Wir dürfen die Opfer nicht vergessen, sondern die schrecklichen Erfahrungen des 3. Reiches als ein Vermächtnis begreifen, sich für das Leben der Menschen mit Behinderungen einzusetzen. Das Geschehene kann niemand rückgängig machen, die Vergangenheit aber totzuschweigen, ist kein Weg."
Im Wittekindshof wurden aufgrund des am 14. Juli 1934 verabschiedeten „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" bis Ende 1935 154 Frauen und Männer im Krankenhaus Bethanien[1] sterilisiert. Wie auch in anderen diakonischen Einrichtungen wurde das Wittekindshofer Krankenhaus durch Runderlass des Reichsinnenministers am 13. März 1934 ermächtigt, im Rahmen des genannten Gesetzes Unfruchtbarmachungen durchzuführen - zunächst nur an Männern, ab 16. Oktober 1934 auch an Frauen. Für Frauen war dieser Eingriff unter den medizinischen und hygienischen Möglichkeiten der damaligen Zeit ein sehr gefährlicher Eingriff, bei dem viele Frauen gestorben sind. Von Todesfällen ist im Wittekindshof bisher nichts bekannt. Ebenfalls unbekannt ist, ob und wie viele Menschen ab 1936 sterilisiert wurden. Bei den Unfruchtbarmachungen im Rahmen des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" handelt es sich um Zwangssterilisationen, weswegen die Sterilisierten Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sind.
Auf Anweisung des Reichsministers des Innern werden am 21. September 1940 die „jüdischen Patienten" aus dem Wittekindshof in die Landesheil- und Pflegeanstalt Wunstorf verlegt. Vier Männer und zwei Frauen werden am 27. September 1940 durch die GeKraT (Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft, eine Tarnorganisation, die an der systematischen Ermordung von kranken und behinderten Menschen beteiligt war) von Wunstorf nach Brandenburg verlegt. Zwei Personen wurden in Brandenburg getötet.[2] Die übrigen nach Brandenburg verlegten Wittekindshofer Bewohner sind in Polen verschollen.
Im Rahmen der von Adolf Hitler auf den 1. September 1939 rückdatierten Ermächtigung zur Durchführung der Krankenmordaktion erhält auch der Wittekindshof die Meldebögen des Reichsministers des Inneren zur „planwirtschaftlichen Erfassung der Heil- und Pflegeanstalten". In der Zeit vom 5.-12. Juni 1941 führt eine Ärztekommission des Reichsinnenministers die „erbbiologische Bestandsaufnahme" für alle 1.330 Bewohnerinnen und Bewohner durch. Am 22. Oktober wird der Abtransport aller Bewohnerinnen und Bewohner angekündigt mit der Begründung, dass der Wittekindshof Ausweichkrankenhaus für luftgefährdete Gebiete werden soll. Durch Verhandlungen mit dem Reichesinnenministerium gelingt es, dass in der Zeit vom 28. Oktober bis zum 8. November 1941 „nur" 956 Personen innerhalb von Westfalen (Marsberg, Lengerich, Gütersloh, Warstein, Dortmund-Aplerbeck) verlegt werden. Die Weiterverlegung erfolgt später auch außerhalb von Westfalen in bekannte Tötungsanstalten (Egelfing/Haar, Meseritz/Obrawalde, Bernburg, Gnesen, Weilmünster, Pfaffenrode, Hadarmar und Lüben). Mindestens 358 Personen sterben, bei 55 Personen ist das Schicksal unklar. Es ist mit über 400 Toten unter den verlegten Wittekindshofer Bewohnern zu rechnen.
Es ist davon auszugehen, dass zumindest einige der Sterilisationsopfer auch Opfer der Krankenmordaktion oder zumindest der damit verbundenen systematischen Verlegungspolitik geworden sind oder zu den jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner gehört haben, die aus dem Wittekindshof verlegt und später getötet wurden oder verschollen sind. Genauere Forschungen liegen dazu bisher nicht vor.
„Als Zeichen dafür, dass diese Menschen und ihr Leiden nicht vergessen sind und als Mahnung für die Gegenwart und die Zukunft" hat Vorsteher Pastor Erich Eltzner die Errichtung des Mahnmals angeregt. Der Darmstädter Künstler Helmut Lander hatte zuvor schon für andere Einrichtungen des Fachverbandes evangelische Behindertenhilfe, dessen Vorsitzender Eltzner war, Mahnmale geschaffen und war dementsprechend mit dem Thema vertraut. Er ist 1924 in Weimar geboren. Prägend waren nach dem Notabitur die Jahre als Soldat und in Kriegsgefangenschaft. Später hat er an der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste in Weimar studiert und 1950 seine Diplomprüfung in Wandmalerei abgelegt. 1951 ist nach Darmstadt gekommen und hat sich ab 1967 vorwiegend plastischen Arbeiten gewidmet. Er hat sich aber auch einen Namen gemacht mit Glaskunst, als Grafiker, Fotograf, Filmemacher, und Gestalter von Buchpublikationen. Die Gestaltung des Wittekindshofer Mahnmals hat Pastor Erich Eltzner bei zwei Besuchen in Darmstadt mit dem Künstler Helmut Lander abgesprochen.
Das Mahnmal wurde vor der Wittekindshofer Kapelle, die als Veranstaltungs- und Mehrzweckraum genutzt wird, aufgestellt. Dieser Platz sei nach Aussage von Erich Eltzner gewählt worden, weil er für Bewohnerinnen und Bewohner gut erreichbar sei und einen Ort für ihre Trauer böte. Sie könnten das Mahnmal aufsuchen, um sich an ihre ehemaligen Mitbewohnerinen und -bewohner, Freunde und Bekannte zu erinnern. An den Kosten von rund 60.000 Mark für das Kunstwerk hat sich die Stadt Bad Oeynhausen nachträglich und außerplanmäßig mit 5.000 Mark beteiligt.
In der Gedenkfeier am 29. September 1995 hatte Vorsteher Pastor Erich Eltzner erklärt: „Die Sprache der Bibel unterscheidet zwischen ‚Gedächtnis' und ‚Erinnerung'. Das Gedächtnis ist unsere Datenbank, mit der wir den ständigen Wandel unseres Lebensalltags meistern - Erinnerung aber ist mehr. Sie braucht das Gedächtnis, aber sie begnügt sich nicht mit den Daten, sondern fragt nach den Sinnzusammenhängen, nach Wirkung und Bedeutung der Geschichte. Wer sich in der Hetze der Gegenwart die Zeit dazu nimmt, sich zu erinnern, der tut das, weil er weiß, dass nur eine gedeutete Welt eine menschliche Welt ist, eine Welt, die wir durchschauen und die uns nicht dauernd bedroht. Erinnerung vermittelt uns dann auch, was wir im Leben Erfahrung nennen, dass man nicht nur im Kopf Erlebnisse registriert, sondern auch die Bedeutung, die diese Erlebnissen für uns in Zukunft haben sollen."
Ausdrücklich betonte Eltzner, dass es nicht darum gehe, sich „mit denunziatorischer Häme auf die Täter der NS-Zeit zu stürzen. Wir sind nicht die guten Menschen von heute, die die bösen Menschen von damals bei ihrem Tun erwischt haben und sie nun an den moralischen Pranger stellen."
Er plädierte für ein Erinnern, das vornehmlich darauf gerichtet ist, „zum Verstehen zu bringen, die verborgenen lebensgeschichtlichen und sozialkulturellen Zusammenhänge zu erkennen, aus denen die furchtbaren mörderischen Taten der NS-Gewaltherrschaft hervorgegangen sind. Ich möchte mit meiner Erinnerung die Denkmuster erkennen, die damals wirksam waren und von denen wir nunmehr wissen, dass sie längst vor den Nationalsozialisten im Schwange waren und dass sie bis in unsere Tage hinein virulent sind. Welche sozialen Bedingungen und welche politische Kultur macht Menschen dazu fähig und willig, mit anderen Menschen so ausgrenzend und so vernichtend umzugehen, wie das in der Zwangssterilisation und Euthanasie 1933 bis 1945 geschah und dabei noch der Überzeugung zu sein, man diene dem Gemeinwohl oder erfülle gar ein Gottesgebot. Deshalb plädiere ich für das Verstehenwollen in der Erinnerung - also für die Dimension der Versöhnung - weil ich gelernt habe, dass viele Menschen erst dann die Wahrheit voneinander erfahren, wenn wir von der Vorgabe ausgehen, dass keiner von uns mit Absicht böse sein will, dass wir aber in dem Guten, das wir zu tun meinen, oft das Böse vollziehen und bewirken." [...]
Seit 2001, dem 60. Jahrestag des Abtransports, findet jährlich im Herbst ein Gedenkgottesdienst in der Wittekindshofer Erlöserkirche mit anschließender Kranzniederlegung statt.
[1] Nach Bernd Walter, Psychiatrie und Gesellschaft in der Moderne. Geisteskrankenfürsorge in der Provinz Westfalen zwischen Kaiserreich und NS-Regime (Forschungen zur Regionalgeschichte), S. 859.
[2] Nach Heiner Wittrock, Landeskrankenhaus Wunstorf, Wunstorf 2006, S. 315-321 mit Seite 60-63 (aus dem Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden, Bundesarchiv Koblenz, Archiv der jüdischen Gemeinde Hannover).