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Der Wittekindshof wird am 2. Mai 1887 gegründet, als „Asyl für evangelische Blöde aus Westfalen", wie es in der Gründungserklärung heißt. Die Initiative, ein Heim für Menschen mit geistiger Behinderung zu schaffen, geht vom Volmerdingsener Pfarrer Hermann Krekeler (1841-1898) aus, der im Januar 1887 die Pfarrstelle in dem Dorf am Wiehengebirge übernommen hat. Hermann Krekeler hatte zuvor einige Jahre in der Anstalt Bethel bei Bielefeld gelebt, um sich von einer psychischen Krankheit zu erholen. Als Mitarbeiter von Friedrich von Bodelschwingh (Vater), dem Leiter Bethels, erlebte er immer wieder, dass die Einrichtung Menschen mit einer geistigen Behinderung abweisen musste, weil sie nur Menschen mit Epilepsie aufnahm.
Die westfälischen Provinzialstände unterstützen die Arbeit des Wittekindshauses, das noch im gleichen Jahr in „Wittekindshof" umbenannt wird. Noch im Gründungsjahr, am 5. September, wird für das erste Mädchenhaus der Grundstein gelegt. Im September ziehen die ersten drei behinderten Männer in das Bauernhaus ein und werden in der Landwirtschaft beschäftigt. Im Oktober 1888 beziehen die ersten Mädchen und Frauen das neue Haus und werden mit Haus- und Handarbeiten beschäftigt. Außerdem erhalten sie schulischen Unterricht, der auf die Konfirmation vorbereiten soll.
1889 verleiht Kaiser Wilhelm II. dem Wittekindshof die Rechte einer juristischen Person, nachdem die Satzung verabschiedet worden ist. Außerdem wird ein Friedhof am Langenhagen geweiht.
1890 werden die ersten Bewohner konfirmiert. Ebenfalls kann 1890 die erste satzungsgemäße Generalversammlung stattfinden. Das Patronat, der Vorstand, legt in dieser Versammlung einen Bericht über die bisherige Entwicklung vor. Der Bedarf an Plätzen zur Unterbringung ist größer geworden. Deswegen werden neue Wohnhäuser geplant und in den folgenden Jahren gebaut. Personen, die nicht aus der Provinz Westfalen kommen, müssen mehr zahlen. Die Kosten für die Bewohner tragen zum Teil Verwandte, die Kasse der kommunalen oder kirchlichen Heimatgemeinde oder in Ausnahmefällen der Wittekindshof selber. Oft sind die Angehörigen oder auch die Heimatgemeinden so arm, dass sie die gesamten Kosten nicht tragen können. Deshalb ist der Wittekindshof auf Spenden und Kollekten angewiesen.
Mit in Kraft treten des Fürsorgegesetzes 1893 ändert sich die Situation. Die „Landarmenverbände" sind nun verpflichtet, auch öffentliche Mittel der Einrichtung zuzuleiten. Das heißt, dass für die Hälfte der inzwischen über 200 Bewohnerinnen und Bewohner eine Art Pflegesatz bezahlt wird.
1891 wird das Haus Vorwerk, in zwei Kilometer Entfernung vom Gründungsgelände, als Wohnheim für Männer eingeweiht. 1892 wird der Wittekindshof als milde Stiftung anerkannt.
1896 wird Pfarrer Hermann Krekeler erster hauptamtlicher Vorsteher der Einrichtung. Er stirbt 1898. Im folgenden Jahr wird der Wittekindshof eine Anstaltskirchengemeinde und kann 1904 eine eigene Kirche einweihen. 1907 wird der erste hauptamtliche Arzt eingestellt.Während des Ersten Weltkriegs steigt die Sterberate der Bewohnerinnen und Bewohner stark an. Die Versorgungslage ist durch den Krieg sehr schlecht, so dass Nahrungsmittel und Brennstoff reduziert werden müssen. Acht Mitarbeiter fallen im Krieg.
In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre werden für die weitere Entwicklung der Einrichtung wichtige Weichen gestellt. So wird 1925 eine moderne Arbeits- und Beschäftigungstherapie nach Hermann Simon eingeführt und der Schulunterricht neu gestaltet. Ein Jahr später wird mit dem Kauf des Schlosses Ulenburg in Mennighüffen bei Löhne die erste Teileinrichtung gegründet. Durch die dazugehörigen landwirtschaftlichen Nutzflächen soll die Nahrungsmittelversorgung gesichert werden. 1929 wird mit dem Haus Bethanien ein eigenes Krankenhaus für Bewohner und Mitarbeiter eingeweiht.
Aber bereits 1931 wird die Situation wieder schwierig. Bis 1933 sinkt der Pflegesatz dramatisch ab. Behinderte Menschen werden entlassen oder in Familienpflege gegeben.
Die Zwangssterilisierung als Mittel der Rassenhygiene wird im Wittekindshof akzeptiert, Ausmerzung abgelehnt. Ab 1934 finden Zwangssterilisierungen im Krankenhaus Bethanien statt. 1940 treffen Meldebögen vom Reichsinnenministerium zur Erfassung der Heil- und Pflegeanstalten ein. Nach längerem Zögern werden sie ausgefüllt. Im gleichen Jahr werden sechs jüdische Bewohner in eine staatliche Einrichtung in Wunstorf bei Hannover verlegt und schließlich ermordet. 1941 wird der Schul- und Werkstattbetrieb eingestellt. Im Juni kommt eine Ärztekommission aus Berlin und unternimmt eine „erbbiologische Bestandsaufnahme" von allen 1.330 Bewohnern. Im Herbst werden rund 1.000 Bewohner in westfälische Provinzialanstalten verlegt. Nach Forschungen sind rund 400 Wittekindshofer Bewohnerinnen und Bewohner der „NS-Euthanasie" zum Opfer gefallen.
Im März 1942 wird ein Wehrmachtslazarett eingerichtet, die Arbeit mit den verbliebenen Menschen kann nur noch unter sehr beengten Verhältnissen erfolgen. Im April 1945 wird der Wittkindshof von amerikanischen Truppen besetzt. Nachdem Bad Oeynhausen zum Hauptquartier der britischen Rheinarmee erklärt wurde, wird im Wittekindshof am 1. Juli 1945 ein britisches Militärhospital eingerichtet. Der Wittekindshof ist damit faktisch enteignet. Auf dem Gründungsgelände in Volmerdingsen leben nur noch im Haus Friedenshöhe äußerst beengt behinderte Menschen. Erst im Sommer 1948 geben die Briten den Wittekindshof wieder frei. Zwölf Mitglieder der Wittekindshofer Kirchengemeinde werden Opfer des 2. Weltkrieges.
Vorrangiges Ziel der ersten Monate nach der Freigabe durch die Briten 1948 ist es, die sich in sehr schlechtem Zustand befindenden Wohnhäuser wieder bewohnbar zu machen.
Am 18. Mai 1949 wird die Diakonische Brüderschaft Wittekindshof durch fünf Wittekindshofer Mitarbeiter gegründet, weil man erkannt hatte, „dass der Dienst an den Pfleglingen der Anstalt Wittekindshof nur getan werden kann in der Bindung an Gottes Wort und in der Kraft seines Geistes", wie es in der Gründungserklärung heißt. Die Brüderschaft bildet Diakone für die Arbeit mit geistigbehinderten Menschen zunächst ausschließlich für den Wittekindshof aus. Später werden auch Mitglieder in andere Einrichtungen entsandt.
Im Januar 1952 wird die Schule eingeweiht. Im November 1953 werden die ersten Diakone eingesegnet.
Im April 1956 kauft der Wittekindshof das Annaheim in Gronau an der niederländischen Grenze. Dort wird die zweite Teileinrichtung aufgebaut, die sich in den folgenden Jahrzehnten ständig vergrößert. Zwischen 1963 und 1966 entstehen auf dem Gelände in Volmerdingsen über zehn neue Häuser, darunter Wohnhäuser für Bewohnerinnen und Bewohner, Mitarbeiterwohnheime und Wirtschaftsgebäude. Durch diese Baumaßnahme werden 370 neue Plätze geschaffen.
Mit dem Kauf des Schlosses Benkhausen bei Espelkamp im März 1963 entsteht die dritte Teileinrichtung.
Im November 1964 wird ein Heilpädagogisches Seminar eröffnet zur Ausbildung der Mitarbeiter. Daraus entwickeln sich das heutige Berufskolleg.
Anfang 1970 wird ein Berufsbildungs- und -förderungswerk eingerichtet. Im selben Jahr wird das Freizeitwerk aufgebaut. Es bietet eine gruppenübergreifende Freizeitgestaltung und organisiert Urlaubsfahrten für die Bewohnerinnen und Bewohner. Ein neues Werkstattgebäude auf dem Gründungsgelände in Volmerdingsen wird im Mai 1975 eingeweiht. Es bietet in unterschiedlichen Abteilungen 400 Arbeitsplätze. Im Oktober des gleichen Jahres werden die ersten beiden Frauen zu Diakoninnen eingesegnet, 1977 die ersten diakonischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Anfang Juli 1978 erkennt die Evangelische Kirche von Westfalen den Wittekindshof als Evangelische Stiftung an.
Das Schülerdorf für 140 Kinder- und Jugendliche wird im September 1980 eingeweiht. Zum ersten Mal leben dort Menschen unterschiedlichen Geschlechts in Gruppen zusammen. Dieses Konzept setzt sich in den folgenden Jahren im Wittekindshof durch. Im Dezember 1982 wird ein Therapiezentrum eröffnet, das verschiedene Therapieformen unter einem Dach vereint.
Am 28. Februar 1990 besucht Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Wittekindshof in Volmerdingsen. Im gleichen Jahr wird ein Freizeitheim in Cuxhaven gekauft, in dem Bewohnerinnen und Bewohner ihren Urlaub verbringen können. Ein Jahr später werden im Wittekindshof die ersten so genannten Innenwohngruppen eingerichtet. Dort führen Menschen mit Behinderungen in einer kleinen Wohngemeinschaft ein selbstständigeres Leben als in den traditionellen Wohngruppen.
Am 15. Juni 1993 wird ein Partnerschaftsvertrag zwischen dem Wittekindshof und den Neinstedter Anstalten bei Quedlinburg geschlossen. Es ist der erste Vertrag dieser Art in Deutschland. Im Oktober 1993 wird mit dem Kauf des Meyer-Spelbrink-Hauses in Lübbecke-Nettelstedt die vierte Teileinrichtung eingerichtet. Rückwirkend zum 1. Januar 1993 wird dem Wittekindshof 1994 der Status eines Sonderkrankenhauses aberkannt. Dies hat Auswirkungen für allem für das ehemalige Krankenhaus Bethanien, welches in eine Heimstätte umgewandelt wird.
1995 wird das Ambulant Betreute Wohnen eingeführt. Menschen mit Behinderungen können nun mit nur wenig Assistenz durch Mitarbeitende des Wittekindshofes in einer eigenen Wohnung leben. Im gleichen Jahr wird ein Mahnmal für die Opfer der „NS-Euthanasiepolitik" auf dem Gründungsgelände in Volmerdingsen eingeweiht.
1996 wird ein Qualitätsmanagementverfahren zur individuellen Betreuungsbedarfplanung und -dokumentation eingeführt. Am 29. September 1997 ist Bundeskanzler Helmut Kohl im Wittekindshof in Volmerdingsen. Er ist Gastredner beim 100. Jahrestag der Mitgliederversammlung des Verbandes evangelischer Einrichtungen für Menschen mit seelischer und geistiger Behinderung, die im Wittekindshof stattfindet.
1998 wird ein Angehörigenbeirat gegründet. Außerdem wird im gleichen Jahr eine spezielle Wohngruppe für Menschen mit Prader-Willy-Syndrom in Benkhausen eingerichtet.
Ende 2001 tritt eine neue Satzung in Kraft. Unter anderem wird das Amt des Vorstehers durch einen zweiköpfigen Vorstand ersetzt. Dieser besteht aus einem Theologen, der auch die Aufgabe des Vorstandssprechers übernimmt, und einem Kaufmann.
Bitte beachten Sie die Darstellungen zur Geschichte einzelner Standorte: