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[...] Wenn sie in ihrer Kinder- und Jugendzeit unter den im Buch dargestellten Bedingungen im Wittekindshof aufgewachsen sind, dann habe sie zumindest unter den schwierigen Rahmenbedingungen hier leben müssen, die in der Studie beschrieben werden. Manche von ihnen werden dabei auch Erfahrungen von Gewalt und Misshandlung gemacht haben, die ihre Menschenwürde oft nachhaltig verletzt haben, z. B.: (schwere) Körperverletzungen (Schläge mit Riemen, Bügeln, Besenstiel und anderen Hilfsmitteln; sexualisierte Gewalt bis hin zur Vergewaltigung; Medikamentengaben, die nicht der individuellen Therapie, sondern der Ruhigstellung zur Vereinfachung der organisatorischen Abläufe dienten; Freiheitsentzug durch Einsperren im so genannten Besinnungsstübchen; Demütigungen (z.B. Bloßstellen von Bettnässern, Abschneiden der Kopfhaare als Strafe); Verletzung des Briefgeheimnisses einschließlich vorenthalten von Briefen; Vorenthalten von Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten usw.
Die damaligen Kinder und Jugendlichen sind heute zumeist im Rentenalter. Sie leiden aber sicherlich immer noch unter diesen Erlebnissen. Und möglicherweise sind von ihnen auch einige heute hierher gekommen. Ihnen und allen anderen Betroffenen möchte ich sagen, dass uns die Vorgänge, die die heute vorgelegte Studie zutage bringt, sehr beschämen. Vieles von dem, was wir vermuteten und was eher mündlich und manchmal aus Scheu hinter vorgehaltener Hand kommuniziert wurde, hat sich einfach bestätigt und als wahr erwiesen. [...]
Wer behauptet, dass er Gewalt und Misshandlung in diesen Zeiten erlebt hat, dem kann man in aller Regel tatsächlich Glauben schenken. Um zu einer solchen Erforschung und Anerkennung der Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen beizutragen, hat die Diakonische Stiftung Wittekindshof diese Studie in Auftrag gegeben. [...]
[...] Bitte um Vergebung. Als Pfarrer weiß ich, dass man mit diesem Wort vorsichtig umgehen sollte. Und nichts kann so billig sein wie vorschnelle oder halbherzige Bitten um Vergebung. Nun ist allerdings klar, dass Menschen im Wittekindshof großes Unrecht erleiden mussten. Deshalb bitte ich diese Menschen im Namen der Diakonischen Stiftung Wittekindshof hiermit ausdrücklich um Vergebung. Ob das Geschehene jemals vergeben werden kann, müssen die Betroffenen entscheiden. Wahrscheinlich wird das ein langer Weg sein, den man gemeinsam gehen muss und an dessen Ende vielleicht, wenn es gut geht, Versöhnung stehen kann.
Aufgabe des Wittekindshofes muss es jedoch nun sein, verantwortungsvoll mit diesen Geschehnissen und den betroffenen Menschen umzugehen. Ein erster Schritt dazu war die hier und heute vorgelegte Studie. Durch sie wollten wir überhaupt erst einmal schonungslos Klarheit über die tatsächlichen Geschehnisse gewinnen und dies auch öffentlich machen. Als Nächstes muss es darum gehen, diejenigen, die solche Erfahrungen machen mussten, bei der Verarbeitung der Geschehnisse zu unterstützten. [...]
Außerdem muss es hier aber auch um das schwierige Thema des geltend Machens von Ansprüchen gehen. Parallel zu unserer eigenen historischen Aufarbeitung haben wir uns mit dem Wittekindshof und anderen diakonischen Trägern in den letzten beiden Jahren in einem Begleitgremium darum bemüht, die Belange von Kindern und Jugendlichen in Heimen der Erziehungshilfe und auch der Behindertenhilfe in die Gespräche am Runden Tisch Heimerziehung einzubringen, der ja von Bundestag für die Erforschung dieser Vorgänge vor gut zwei Jahren eingerichtet wurde.
[...] Allerdings sind die Ergebnisse des Runden Tisches bislang auf die Erziehungshilfe beschränkt und nicht ausdrücklich für die Behindertenhilfe geöffnet. Wir werden uns deshalb mit unserer Stiftung zusammen mit anderen diakonischen Trägern und auch dem Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe dafür einsetzen, dass an den Unterstützungsmaßnahmen, die zurzeit aufgrund der Ergebnisse des Runden Tisches beschlossen werden, auch Menschen teilhaben können , die in der Behindertenhilfe, also auch im Wittekindshof gelebt haben.
Solche Menschen werden wir aktiv dabei unterstützen, ihre Anliegen und Ansprüche bei den entsprechenden Beratungsstellen geltend zu machen. Denn es kann nicht sein, dass Menschen, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe gelebt haben, solche Unterstützung nicht beanspruchen könne, wenn sie ähnliches erlebt haben wie andere in der Jugendhilfe. In dieser Weise wollen wir uns bewusst als Anwälte für die Belange derer einsetzen, die nun wirklich Hilfe, bei der Verarbeitung ihrer Erlebnisse nötig haben. Und natürlich werden wir uns mit anderen diakonischen Trägern in Westfalen an der Errichtung eines entsprechenden Unterstützungsfonds finanziell beteiligen, der zurzeit als Konsequenz des Runden Tisches dem Bundestag als Antrag zum Beschluss vorliegt.
[...] Ich empfinde es als einen wesentlichen Gewinn dieser Studie, dass sie auch die ausgesprochen schwierigen Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden in der damaligen Zeit beschreibt, bis hin zur eingehenden Darstellung der Biographie von zwei ehemaligen Mitarbeiterinnen. Dadurch wird deutlich, dass auch sie erheblich unter den damaligen Voraussetzungen der Arbeit zu leiden hatten.
[...] Ausdrücklich anerkennen möchte ich dabei, dass nach unserem Eindruck ein großer Teil der Mitarbeitenden sich nach Kräften darum bemüht hat, auch unter zum Teil schwierigsten Arbeitsbedingungen das Leben der hiesigen Bewohnerinnen und Bewohner so gut wie möglich zu unterstützen - und dass dies trotz widriger Umstände in guten Teilen auch gelungen ist.
[...] Ihnen möchte ich vorab sagen, dass für mich eine wesentliche Botschaft dieser Studie darin besteht, die geradezu unerträglichen Verhältnisse der Behindertenhilfe zur damaligen Zeit zu verdeutlichen. Die damalige Gesellschaft hat offensichtlich sehr wenig Aufmerksamkeit und Ressourcen für die Unterstützung von Menschen besonders mit geistigen und mehrfachen Behinderungen aufgewendet. Statt dessen hat sie es vorgezogen, diese Menschen in vom gesellschaftlichen Leben abgeschlossene isolierte Systeme zu geben - nach unserem Eindruck nicht nur in der evangelischen Behindertenhilfe, sondern auch bei anderen Trägern, nicht zuletzt auch in staatlichen Einrichtungen. Ein wesentlicher Effekt daraus muss für uns heute sein, dass solche Exklusionssysteme, die an manchen Stellen in der Behindertenhilfe bis heute nachwirken, konsequent abgebaut werden. Die Anstaltstüren, hinter denen die Taten geschehen konnten, die in dem Buch von Hr. Schmuhl und Fr. Winkler beschrieben werden, müssen endgültig und unumkehrbar geöffnet werden.
Wir müssen uns gemeinsam auf den Weg machen und endlich dahin kommen, dass Menschen mit Behinderungen selbstverständlich mitten in der Gesellschaft leben können und in vollen Umfang an allen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens teilhaben können. Das betrifft das Wohnen, aber auch Bildung, Arbeit Freizeit, religiöses Leben und vieles andere mehr. [...]
Im Wittekindshof
Als Ansprechpartner für (ehemalige) Bewohnerinnen nud Bewohner, die Gewalt und Misshandlungen in den Häusern des Wittekindshofes erlebt haben, steht Vorstandssprecher Pfarrer Prof. Dr. Dierk Starnitzke zur Verfügung: Tel.: 05734/ 61-1010 oder
Diakonisches Werk Rheinland-Westfalen-Lippe
Als Ansprechpartner für ehemalige Heimkinder aus diakonischen Einrichtungen in Rheinland, westfalen und Lippe steht Frau Hiltrud Wegehaupt-Schlund zur Verfügung, Tel.: (02 51) 27 09-265 oder Mobil: (01 51) 11 34 27 73,