Direkt zum Hauptmenü, zum Inhalt.
Sie sind hier: Startseite › Aktuelles › Nachrichten › Johannesschule ist noch stärker ins Zentrum gerückt
Gronau (AM). Landkarten, Straßenkarten und Stadtpläne sind seine Spezialität. Orientierungsprobleme kennt Martin Czompelik nicht. Einen Ort oder eine Straße, die er einmal gefunden hat, hat er sich eingeprägt und findet sie immer wieder. Beim Kartenlesen ist er einsame Spitze, obwohl er eigentlich nicht lesen kann. „Wie er das macht, wissen wir nicht. Wir sehen nur, dass Martin auf Karten alles absolut zuverlässig wieder findet", freut sich sein Klassenlehrer Theo Rensing. Bei einer solchen Begabung wundert es nicht, dass im Nebenraum der Klasse ein großer Plan der Gronauer Innenstadt hängt mit selbst gemalten Straßen und Fotos der wichtigsten Gebäude. Das ist aber nicht nur ein Entgegenkommen für Martin, sondern für die gesamte Klasse und hilft bei der Erkundung der neuen Umgebung.
Im Frühjahr ist die Berufspraxisstufe der Johannesschule, der Wittekindshofer Förderschule für geistige Entwicklung für den Nordkreis Borken, in neue Räume im WZG (Wirtschaftszentrum Gronau) umgezogen. Durch steigende Schülerzahlen hat seit Jahren in der Johannesschule große Raumnot geherrscht. Die vor wenigen Jahren zusätzlich errichtete feste Holzbaracke hat nur kurzfristig Entlastung gebracht. Die Schule war ursprünglich für 130 Schülerinnen und Schüler ausgelegt. Eingependelt hat sich eine Zahl um 170. Mit Ausnahme der Schulküche waren sämtliche Fachräume längst in Klassenräume umgewandelt worden. Trotzdem hat der Platz nicht gereicht. Durch den Umzug der Berufspraxisstufe ins WZG ist die größte Raumnot behoben. Gleichzeitig sind die ältesten Schülerinnen und Schüler, die sich in den letzten Jahren ihrer Schulzeit auf das Berufs- und Erwachsenleben vorbereiten, ins Zentrum von Gronau gerückt. Der Bahnhof, den auch alle wichtigen Buslinien anfahren, ist schräg gegenüber. Die Fußgängerzone in Sichtweite. Unter dem gleichen Dach, unter dem die Schülerinnen und Schüler der Johannesschule lernen, findet Produktion statt und werden Dienstleistungen erbracht und zum Teil direkt im Haus verkauft.
Die Johannesschule nutzt im WZG rund 600 Quadratmeter für fünf Klassen mit zusammen rund 60 Schülerinnen und Schülern im Alter von 17 bis 25 Jahren. Zur Verfügung stehen fünf Klassen- und Nebenräume, eine Küche, Sanitär-, Pflege- und Pausenräume, und eine große Werkhalle im Untergeschoss, von der ein Maschinenraum, ein Nähmaschinenraum und die Waschküche abgetrennt sind. „Die Schülerinnen und Schüler haben hier fast ideale Voraussetzungen, um Grundlagen in ganz verschiedenen Berufsfeldern zur erarbeiten", freut sich die Schulleiterin. Holz- und Metallverarbeitung sind in der großen Werkhalle, Wäschepflege, vom Waschen, Trocknen, Bügeln bis zu Reparaturen und Näharbeiten sind in den direkt benachbarten kleineren Fachräumen möglich. Der Unterricht in den Bereichen Garten- und Landschaftsbau sowie Kochen und Backen findet wie bisher in und rund um die Johannesschule und im Wittekindshofer Elisabetheim statt, die sich beide rund 10 bis 15 Gehminuten vom WZG entfernt befinden.
Jutta Thier-Mechelhoff war Ende April bei einer kleinen Einweihungsfeier beeindruckt, wie schnell sich die Schülerinnen und Schüler an die neue Umgebung und Abläufe im WZG gewöhnt haben. „Hier gibt es viele Nachbarn, aber keinen Schulhof wie an der Johannesschule. Attraktive Pausen- und Freizeitgestaltung ist durch das Laga-Gelände und die Innenstadt trotzdem möglich", erklärte die Schulleiterin mit einem großen Lob: „Die Kolleginnen und Kollegen haben schon im Vorfeld sehr viel geleistet, um die passende Umgebung zum Lernen und Leben zu schaffen. Damit haben sie sie mit viel individuellem Einfühlungsvermögen und hoher Aufmerksamkeit den Schülerinnen und Schülern den Umzug erleichtert. Das verdient hohen Respekt, weil es zusätzlich zu den alltäglichen Herausforderungen des Schulalltages erbracht wurde." Dank sprach die Schulleiterin auch dem Kreis Borken und der Stadt Gronau aus, die beide die Johannesschule und die Diakonische Stiftung Wittekindshof als Schulträger unterstützt haben, um Ausweichräume zu finden.
Martin Czompelik hat vom Umzug nicht nur durch mehr Platz profitiert. Für ihn ist es ein besonderes Vergnügen, dass der selbstgestaltete Gronauer Stadtplan mit immer mehr Leben gefüllt wurde. „Wir haben verschiedene Ziele in der Stadt besucht und auf unseren Plan mit Foto eingezeichnet. Das Lieblingsgebäude von Martin bleibt der Bahnhof, denn er möchte am liebsten auch noch ganz andere Ziele besuchen, die er auf seinen Karten in ganz Deutschland längst kennt", berichtet Theo Rensing.
Schule im Industriedenkmal
Umgezogen ist die Johannesschule in ein Industriedenkmal, das 1892 als Spinnerei gebaut wurde. Backsteinfassaden von außen und gusseiserne Säulenstruktur im Innern prägen das Gebäude auf dem Gelände der Landesgartenschau (Laga) Gronau-Losser und erinnern an die Textilindustrie, die das deutsch-niederländische Grenzgebiet geprägt haben. Anfang der 90er Jahre wurde das durch sein Größe und die typische Architektur beeindruckende Gebäude als Wirtschaftszentrum Gronau (WZG) umgebaut und renoviert. Es ist mit Aufzügen und entsprechenden Sanitäranlagen barrierefrei ausgestattet. Ursprünglich geplant für Existenzgründer und junge Unternehmer mit Produktions- und Büroflächen sind im WZG längst auch eine Kindertagesstätte, der Betreuungsverein Gronau und Umgebung e.V., Unterrichtsräume verschiedener Schulen und Fortbildungsanbieter zu finden.